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10. Abschnitt
Vom Revolutionsjahr 1849 bis zur Einigung
Deutschlands
Das Revolutionsjahr
1848 fand in Reichenbach einen gut vorbereiteten Boden. Am 22. Februar hatte die erste öffentliche Versammlung der Stadtverordneten
im Saale des Schießhauses
stattgefunden. Am 21. März
verbreitete sich durch die Zeitungen die Nachricht von der in Berlin ausgebrochenen Volkserhebung. Das
Wochenblatt „Der Wanderer“ erschien
ohne den bisher geführten königlichen Adler und führte als Verlag nicht mehr die
Bezeichnung „Königliche
Regierungsbuchdruckerei“, sondern „Volks-Buchdruckerei“.
Jedoch schon in den nächsten Nummern kehrte der Adler wieder und statt der „Volksbuchdruckerei“ hieß es jetzt
einfach „Buchdruckerei von E. D’Oench“.
In flammenden Artikeln verkündete die Zeitung den Umsturz aller Dinge. Auch das
von Alexander Pape herausgegebene „Reichenbacher Wochenblatt“ begrüßte
freudig den Umschwung, doch war seine Sprache maßvoller. In beiden Zeitungen
spiegelte sich trefflich das Bild des Bürgertums wider, wie es damals in zwei
Richtungen, einer freien und einer gemäßigten, den gewonnenen Freiheiten huldigte.
Am 23. März erschien ein Aufruf, der vom Landrat von Prittwitz und Gaffron und
vom Bürgermeister Wagner
unterzeichnet war und „alle deutschen,
patriotischen Männer“ aufforderte, die Farben Deutschlands, rot, schwarz und
golden, zu tragen. Bald erblickte man auf den Hüten der Bürger große Kokarden in diesen Farben. Rasch vollzog
sich die Volksbewaffnung; was wehrfähig war, trug Waffen. In Stadt und Land hatten
die Schmiede vollauf Arbeit mit der Herstellung von Lanzen und Sensen.
Die eifrigsten Verfechter der neuen Volksfreiheit waren Max
von Wittenburg, der Schwiegersohn des Barons
von Seherr-Thoß in Olbersdorf und
der Lehngutsbesitzer Köhler in Ernsdorf. In den zahlreichen
Volksversammlungen führten diese beiden zumeist das Wort. Köhler ließ sein Gut mit Mauern umgeben, die mit Schießscharten versehen wurden. Es
herrschte dort eine recht kriegerische Stimmung. Das von Köhler
gebildete Freikorps machte täglich militärische Übungen. Eine vom Bürgermeister
gebildete Stadtwehr trug weiße Binden
mit dem Stadtwappen. Auch auf dem Lande entstanden zahlreiche Schutzwehren, weil man fürchtete, dass
die allgemeine Volksbewegung zu Unruhen oder gar zum Bürgerkrieg führen könnte.
Die Regierung bot mehrfach die Entsendung von Militär an, jedoch lehnte die
Bürgerschaft dies stets ab. Am 9. April
kam es zur Bildung eines „Politisch-sozialen
Volksvereins“. Dabei ging es in langen Redeschlachten sehr heiß her. Wittenburg und Köhler blieben mit ihrer Anhängerschaft in der Minderzahl, denn der
überwiegende Teil der Bürgerschaft war wohl freisinnigen Ideen zugeneigt, aber
für die vielfach wirren Pläne der beiden Feuerköpfe nicht zu gewinnen.
Am Osterjahrmarkt fand sich ein großer
Haufen Arbeitsloser vor der Stadt ein, und man fürchtete schon eine Plünderung.
Die städtische Schutzwehr war jedoch
stark genug, jede Gewalttat zu verhindern. Dagegen kam es am 29. April auf dem Wochenmarkt zu erheblichen Unruhen. Schleunigst mussten Kartoffel-
und Butterpreise herabgesetzt werden, um das Schlimmste zu verhindern. In
diesen Tagen bildete sich ein „Vaterländischer
Verein“, der sich die Sicherung einer konstitutionellen Monarchie auf
breitester Grundlage zum Ziel setzte und den Bestrebungen der Reaktion wie der
Anarchie entgegenzuarbeiten bemüht war.
Die am 1. Mai vorgenommenen Urwahlen fielen
zugunsten des Vaterländischen- und Volksvereins aus. Auf Ansuchen des Grafen von Sandreczki in Langenbielau war an diesem Tage Militär
in die Stadt gerückt, das aber keine freundliche Aufnahme fand. Der Mangel an
Arbeit gab den Einwohnern Zeit, sich ganz dem Dienst in den Freikorps zu widmen. Häufige Festlichkeiten
und politische Versammlungen machten dieses Leben angenehm, wenn auch recht
wenig nutzbringend. „Die Bürgerwehr macht
mehr Müßiggänger als ohnedem schon in Unzahl vorhanden sind“, klagt der
Magistrat in einem seiner Monatsberichte.
Da kriegerische
Taten nicht zu vollbringen waren, entlud sich der Kampfgeist jener Tage in Raufereien
unter den Freikorps und Schutzwehren. Um diesen Tatendrang abzulenken,
fand am 29. Juni sogar ein
richtiggehendes Manöver zwischen den Reichenbacher
und Langenbielauer Bürgerwehren
statt, das mit einem großen nächtlichen Biwak beschlossen wurde. Leider ist
nicht bekannt geworden, welche Armee damals den Sieg davontrug.
Bei dem am 6. August abgehaltenen „Begrüßungsfeste der deutschen Einheit“
gedachte man des Todes der Schweidnitzer
Bürgerwehrmitglieder, die eine Woche zuvor bei einem Tumult vom Militär
erschossen worden waren. Etwa 1200
Teilnehmer zählte der Festzug, an dessen Spitze der neue Landrat Olearius mit dem Bürgermeister und den Stadtverordneten
einherschritt. Beim Königschießen vom
3. bis 5. September waren die Ortswehren des ganzen Kreises in Stärke
von mehr als 3000 Mann in Reichenbach versammelt, und die Stadt
erlebte ein großes Verbrüderungsfest, dessen man sich noch lange erinnerte. Unter
starker Beteiligung fand am 8. Oktober
die Fahnenweihe des Volksvereins
statt. Redner aus Breslau und Schweidnitz feierten den neuen
Volksstaat. Bald sollte diese große Volksbewegung ein Ende haben. Am 14. Oktober wurde Reichenbach durch eine Kompagnie
des 11. Regiments besetzt. Noch am gleichen Abend kam es zu Reibereien
zwischen der Bürgerwehr und den
Soldaten, aber die Besonnenheit des Kommandanten verhinderte ein Blutvergießen.
Durch Schließen der Stadttore unterband man Zuzug von außerhalb. Tags darauf wurde
der militärische Schutz verdoppelt, und es blieb nun alles ruhig.
Wenn auch gegen
das Ende des Jahres 1848 immer
deutlicher der nahende Zusammenbruch der großdeutschen Freiheitsbewegung zutage
trat, so geben doch die Überlieferungen aus jener Zeit davon Zeugnis, dass die Reichenbacher Bürgerschaft in ihrer überwiegenden
Mehrheit demokratischen und freiheitlichen Anschauungen zugeneigt geblieben
ist. So wurde am 13. November in
einer mit 3500 Unterschriften
versehenen Entschließung der Nationalversammlung
das Vertrauen ausgesprochen. Diesem Vorgehen schlossen sich am 17. November der Magistrat und die
Stadtverordneten in einer Zuschrift an den preußischen
König an, in der sie den Rücktritt des reaktionären Ministeriums Brandenburg nachsuchten. Die von der Nationalversammlung ergangene
Aufforderung, der Regierung bis zur Gewährung der Volksfreiheiten die Steuern
zu verweigern, fand in der Stadt allenthalben Zustimmung; lediglich der Magistrat
verhielt sich aus begreiflichen Gründen hierzu ablehnend und führte lebhafte
Klage über die leere Stadtkasse. Am Schlusse des Jahres sah sich die Stadtverwaltung
auch tatsächlich in der größten Geldverlegenheit, die erst im nächsten Jahre
aufhörte, als die preußische Regierung
mit unnachsichtlicher Strenge gegen alle Vorkämpfer der großen Volksbewegung
einschritt.
So wurde am 11. Januar 1849 plötzlich der Redakteur D’Oench von der Wochenschrift „Der Wanderer“ wegen Hochverrats und Verbreitung
aufrührerischer Schriften verhaftet. Er wurde von dem Kriegsgericht in Schweidnitz zum Verlust der Nationalkokarde und zu einem Jahr
Gefängnis verurteilt und wanderte später nach Amerika aus. Der bekannte Volksredner von Wittenburg entzog sich einem ähnlichen Geschick durch eilige Flucht.
Unter ähnlichem Druck standen die Wahlen zur zweiten Kammer am 22. Januar 1849. So kam es, dass im Reichenbacher Wahlkreise nur zu einem
Drittel die Anhänger der Demokratie gewählt wurden. Ein noch schlechteres Ergebnis
hatte die erste Zusammenwahl der Kreise Waldenburg-Reichenbach.
Hier erlangte der demokratische Kandidat von
Damnitz mit dem Fabrikanten Andritzky
in Langenbielau zwar gleiche Stimmenzahl,
jedoch entschied das Los für Letzteren. Schon am 27. April wurde diese zweite Kammer wieder aufgelöst. Am nämlichen
Tage fand eine Versammlung des demokratischen Vereins „Museum“ statt, dessen Begründer der spätere große Germanist, Professor Dr. Karl Weinhold (Carl Weinhold), ein Sohn Reichenbachs und der einheimische
Kunstmaler Bithorn waren. In dieser
Versammlung erging eine mit den Unterschriften zahlreicher angesehener Bürger
versehene Zuschrift an die Nationalversammlung
in Frankfurt a. M., in der es heißt:
„Tiefbewegt von dem Ernst der gegenwärtigen Lage
unseres Vaterlands, angesichts seiner Regierung, welche dem Drängen und
Verlangen des Volkes die entschiedenste Nichtachtung entgegensetzt, erklären wir
Unterzeichneten, als Bürger des deutschen Reiches, dass wir die von unseren
Vertretern zu Frankfurt beratene und beschlossene Verfassung in allen ihren
Theilen unbedingt und ohne Vorbehalt als gültig und rechtsverbindlich für das
ganze deutsche Volk anerkennen, dass kein Fürst oder Staat befugt und berechtigt
ist, uns die Bildung eines einigen und freien Deutschlands auf Grund irgend
einer Verfassung zu wehren, und dass alle die Aufrechterhaltung der Verfassung bezweckenden
Beschlüsse der hohen National-Versammlung bei uns die kräftigste Unterstützung
finden werden.“
Die Neuwahlen am 28. Juli zeigten wiederum eine sehr
geringe Beteiligung. Gewählt wurden der Gutsbesitzer Langner aus Hennersdorf,
der Landrat von Ende aus Waldenburg und der Professor Dr. Tellkampf aus Breslau, von denen nur der Letztgenannte den neuen Volksfreiheiten zugeneigt
war. Erwähnenswert ist, dass der Magistrat wiederholt Klage über den Mangel positiver
Religionsanschauung unter der Stadtbevölkerung zu führen hatte. Lediglich in
der katholischen Kirche machte sich damals ein erhöhtes kirchliches Leben
kenntlich. Unter dessen Einfluss verlor die christkatholische Bewegung immer
mehr an Boden. Zur Linderung der Not der Weberbevölkerung im Eulengebirge wurde in der Stadt ein
Hilfsverein gebildet, der durch Sammlungen wenigstens dem schlimmsten Elend zu
steuern versuchte. Der Verein „Museum“
beging die Wiederkehr des Todestages des Freiheitskämpfers Robert Blum, der am 9.
November 1848 in Wien standrechtlich erschossen worden war, mit einer
würdigen Feier, bei der Referendar Menshausen
auf einer Tribüne die Gedenkrede hielt.
Aus der Revolutionszeit
sind noch einige stadtgeschichtliche Geschehnisse nachzutragen. Im Jahre 1848 machte die Errichtung eines
königlichen Kreisgerichts einen Erweiterungsbau
des vorhandenen Stadtgerichts
notwendig, dessen Kosten die Stadt tragen musste. Das neue Gericht sollte am 1. April 1849 in Tätigkeit treten, doch
waren weder die Beamten noch die Akten zur Stelle. Erst am 28. April konnte die erste Gerichtssitzung abgehalten werden. Am 20. Juni trat das städtische Leihamt ins
Leben. Im Hochsommer dieses Jahres hielt auch die Cholera ihren Einzug in die Stadt und forderte mehrere Opfer.
Ebenso kamen häufig Todesfälle durch Hungertyphus
vor. Am 3. November 1849 war auf
Grund einer Stiftung der Kaufmannsfrau Steiner
eine katholische Kleinkinderbewahranstalt
eröffnet worden. Als Kuriosum sei noch erwähnt, dass sich in dieser Zeit ein
Verein gegründet hatte, der den Zweck verfolgte, das Hutabnehmen beim Grüßen abzuschaffen.
Er wurde bald zu einem Gegenstand des öffentlichen Spottes und bestand nicht
lange.
Die Volkszählung vom Jahre 1850 ergab 5487 Einwohner, darunter 3397
Evangelische, 1966 Katholische, 78 Juden und 48 Dissidenten. Hagelschlag und Hochwasser verursachten am 2. August 1850 in der Stadt viel Schaden.
Starken Widerhall fand ein Aufruf des Breslauer
Fürstbischofs Dr. Diepenbrock, sich der Waisen anzunehmen, deren Eltern in Oberschlesien dem Typhus zum Opfer
gefallen waren. Die Meldungen aus der Bürgerschaft waren so zahlreich, dass
noch Freistellen offenblieben. Viele dieser in Reichenbach aufgenommenen Waisenkinder schwangen sich hier später zu
geachteten Bürgern auf. Die in diesem Jahre vorgenommene Mobilmachung gegen Polen verursachte der Stadt erhebliche
Kosten, wodurch eine Steuererhöhung notwendig wurde. Die Diebstähle, besonders
auf den Feldfluren, nahmen immer stärker überhand — so, dass in der Stadt
hiergegen ein besonderer Schutzdienst
eingerichtet wurde.
Zur Verbesserung
der Krankenpflege sollten im Jahre 1851
auf Wunsch der katholischen Bürgerschaft Graue
Schwestern berufen werden. Obwohl von privater Seite ein Teil der hierzu erforderlichen
Mittel schon bereitgestellt worden war, lehnte die Stadtverordnetenversammlung
den Vorschlag mit der Begründung ab, dass kein örtliches Bedürfnis vorliege und
städtische Mittel für diesen Zweck nicht vorhanden seien. In das gleiche Jahr
fällt auch eine wichtige Umwälzung im kulturellen Leben der jüdischen
Bürgerschaft. Schon seit dem Jahre 1847
war diese bestrebt gewesen, die Gebetsformen und Schulgebräuche zeitgemäßer
einzurichten. Im Jahre 1851 wurde,
vornehmlich auf Betreiben des Kaufmanns Moritz
Friedländer, ein Kultusbeamter angestellt, der als geprüfter Lehrer und Kantor
die deutsche Sprache in den Religionsübungen und in der jüdischen Schule einführte.
Die Herbstmanöver brachten der Stadt
starke Einquartierung, sie mussten aber wegen anhaltenden Regens vorzeitig abgebrochen
werden.
Der Frühling des
Jahres 1852 trat recht spät ein. Noch
im April lag Schnee, und es herrschte winterliches Wetter. Die Straßenbettelei wurde
durch städtische Bettelvögte in
kurzer Zeit fast gänzlich beseitigt. Anstelle von Almosen erhielten die Armen
abgestempelte Karten, die sie an bestimmten Verkaufsstellen in Waren
eintauschen konnten.
Immer stärker
machte sich die in Preußen
eintretende Reaktion gegen die freiheitlichen Volksbestrebungen geltend. Die
Zeitungen in der Stadt mussten vor ihrem Erscheinen der Polizei zur Durchsicht
vorgelegt werden. Die Versammlungen des demokratischen Vereins „Museum“ wurden durch Polizeibeamte überwacht.
Eine Durchsuchung der Vereinsbibliothek nach verbotenen Büchern und Schriften
blieb jedoch ergebnislos. Unter solchen Verhältnissen brachten die politischen
Wahlen einen weiteren Rückgang der demokratischen Stimmen.
Am 3. Mai 1852 hatten die Teilhaber der Breslau-Schweidnitz-Freiburger Eisenbahn
beschlossen, die Bahnstrecke von Schweidnitz
nach Reichenbach weiterzuführen. Der
damit erreichte Anschluss an die neuzeitlichen Verkehrslinien ließ für den industriellen
Aufschwung der Stadt viel erhoffen. Im Mai
1853 wurden die Vorarbeiten in Angriff genommen, und damit war für die zahlreichen
arbeitslosen Bewohner des Kreises endlich Rat geschaffen. Wie groß die Not
unter diesen war, geht am besten aus dem Magistratsbericht
für den Januar und Februar dieses Jahres hervor, welcher
besagt: „Arme, brotlose Leute der Gegend
gebrauchen ekelhafte Gegenstände zur Nahrung, sogar gefallenes und schon
verscharrtes Vieh wird mitunter ausgegraben und verzehrt.“
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Sadebeck-Friedhof,
Ansicht von der Feldstraße mit dem Grabmal des Stifters; angelegt im Jahre 1805 |
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Kriegerdenkmal
aus den Befreiungskriegen 1813/1814, Ansicht von der Promenade an der
Totenschanze
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Über die Anlegung
des Bahnhofes in der Stadt herrschte längere
Zeit Meinungsverschiedenheit. Ein Teil der Einwohnerschaft trat für den Plan
ein, die Bahnlinie nördlich der Stadt vorbeizuführen. Der Bahnhof sollte in der
Nähe der städtischen Viehweide vor
dem Breslauer Tore Platz finden. Demgegenüber
standen Bestrebungen, die den Bahnhof in die Nähe der Peterswaldauer Chaussee wünschten, was den Verkehrsbedürfnissen der
benachbarten Industrieorte Langenbielau
und Peterswaldau besser entsprach. So
kam es wohl auch, dass sich diese Ansicht durchsetzte, obwohl dadurch der
Verkehr aus der Stadt zum Bahnhof mangels einer eigenen, tragfähigen Peilebrücke sich über die Ernsdorfer Steinbrücke im Zuge der
erwähnten Chaussee abwickeln musste.
Das städtische
Leihamt erfreute sich eines so starken Zuspruchs, dass es im Jahre 1853 in das umgebaute Schmetterhaus am Ringe verlegt werden
musste. Auch das städtische Gefängnis,
dem bereits im Jahre 1850 ein
Stockwerk aufgesetzt worden war, wurde nun erweitert, weil es für die örtlichen
Bedürfnisse nicht ausreichte.
Am 30. Juni verstarb der Kaufmann Johann Gottlieb Göhlig (Göhlich), der
sich durch die der Stadt zugewandten Stiftungen ein dauerndes Denkmal gesetzt
hat. Am 16. Februar 1767 in Reichenbach geboren und hier durch Fleiß
zu Wohlstand gelangt, errichtete Göhlig
(Göhlich) eine erste Stiftung für die Schulen und die Armenpflege bereits am 18. Mai 1816. Hieran schloss sich im
Jahre 1825 die Stiftung seiner
Ehefrau zur Ausstattung tugendhafter Bürgermädchen. Diese Stiftungen wurden
durch einen besonderen Vorstand verwaltet, unterstanden der Aufsicht der Stadt
und verfügten über ein ansehnliches Vermögen, das erst die Geldentwertung nach
dem Weltkriege aufzehrte. An die Wohltäter
der Stadt erinnert die nach ihnen benannte Göhlig-Straße
(Göhlich-Straße).
Am 1. Januar 1855 erschien im Verlage von Adolf Hoppe eine neue Ortszeitung unter
dem Titel „Der Wanderer aus dem Eulengebirge“.
Dagegen stellte der von dem mehrfach genannten Redakteur D’Oench verlegte alte „Wanderer“ noch im gleichen Jahre sein
Erscheinen ein.
Mannigfach waren
die Nöte der städtischen Bevölkerung. Durch alljährliche milde Sammlungen
machte es der Reichenbacher Unterstützungsverein
möglich, täglich bis zu 200 Bedürftige
mit Mahlzeiten zu versorgen. Daneben war immer stärker das Bedürfnis zutage
getreten, eine auskömmliche Pflegeanstalt für die zahlreichen Kranken und
Siechen zu schaffen. Diesem Zwecke war das am 18. Mai 1855 eingeweihte Kreiskrankenhaus
gewidmet, das an der Peile auf dem
Wege zur Hospitalmühle erbaut worden
war. Es erhielt den Namen „Bethanien“,
diente der Unterbringung aller Kranken unter Unterschied des Bekenntnisses und
stand unter dem Schutze des Johanniter-Ordens.
Bei der Eröffnung übernahmen zwei Diakonissinnen
die Krankenpflege in der Anstalt.
Auf der Reise von
Glatz nach Schweidnitz traf am 27. Juni
1855 der Prinz von Preußen, nachmaliger
Kaiser Wilhelm I., in Reichenbach ein und wurde von den
Vertretern des Kreises und der Stadt bewillkommnet. Am 5. Juli fand in Reichenbach die Hauptversammlung des schlesischen Gustav-Adolf-Vereins statt. Aus diesem
Anlass wiesen die Straßen reichen Festschmuck auf. Als das wichtigste Ereignis
dieses Jahres muss aber wohl die Eröffnung der Eisenbahnlinie Schweidnitz-Reichenbach bezeichnet werden. Am 15. November 1855 traf die erste
Lokomotive nach abgelegter Probefahrt auf dem Reichenbacher Bahnhof ein. Noch am gleichen Tage erfolgte die Abnahme
der Strecke. Das Bahnhofsgebäude
wurde am 24. November feierlich
eingeweiht. Ein Sonderzug, dessen Dampfmaschine den Namen „Reichenbach“ trug und reich mit Blumen und Grün geschmückt war,
brachte das Betriebspersonal als die ersten Fahrgäste der neuen Linie in die
Stadt. Am 1. Dezember begann der
regelmäßige Zugverkehr. Vorerst gingen wochentags zwei Züge nach Schweidnitz hin und zurück. Am Sonntag
war außerdem noch in der Mittagstunde ein dritter Zug eingelegt. Bald machten
Handel und Industrie von der neuen Verkehrsverbindung regen Gebrauch. Schon vom
1. Januar 1856 ab trafen regelmäßig
Güter- und Kohlenzüge ein. Reichenbach
war damit an das Verkehrsnetz des Landes angeschlossen, und der heimischen
Fabrikation boten sich nun neue Wege zu schnellerem Absatz ihrer Waren. Das Postamt wurde am 1. April des gleichen Jahres auf den Ring verlegt
Die Herbstübung der 11. Division spielte sich in diesem Jahre im Kreise Reichenbach ab. Prinz
Friedrich Wilhelm, der spätere Kaiser
Friedrich III., weilte als Kommandeur des 11. Infanterieregiments drei Wochen in der Stadt zu Gaste. Als er
am 29. August einzog, waren die
Straßen festlich geschmückt. Überall wurde der durch seine Leutseligkeit
beliebte Prinz von der Einwohnerschaft mit Jubel begrüßt. Er wohnte im Hause
des Landrats Olearius auf der Frankensteiner Straße, und man erzählt
sich noch heute manche scherzvolle Episode aus jenen Tagen, in deren
Mittelpunkt der königliche Regimentschef stand. Zahlreiche Festessen verkürzten
die Zeit seines Aufenthalts. Der Prinz unternahm wiederholt Ausflüge in die
schöne Umgebung, er besuchte auch eine im „Goldenen
Stern“ gastierende Theatergesellschaft. Die große Truppenparade der
Division wurde von dem kommandierenden General
von Lindheim am 13. September bei
der Hospitalmühle abgenommen. Vier
Tage später verließ der Prinz die Stadt, nahm von seinem Regiment in Lauterbach Abschied und reiste am Abend
des 19. September von Reichenbach mit der Eisenbahn nach Berlin zurück, wobei ihm am Bahnhof ein
begeisterter Abschied bereitet wurde.
Im Jahre 1857 wurde die Fortführung der Bahnlinie
nach Frankenstein in Angriff
genommen. Sie machte einen Durchstich des Hahnberges
nötig, der anfänglich große Schwierigkeiten bereitete. Fast täglich fanden dort
gewaltige Felssprengungen statt. Unweit der evangelischen
Kirche, zur Linken des Schweidnitzer
Tores, war im gleichen Jahre die erste Dampfmühle erbaut worden. Sie konnte
sich später nicht weiter entwickeln, weil die Wasserfrage Schwierigkeiten machte.
Im Jahre 1886 wurde die Mühle wieder
abgerissen.
In der Verwaltung
des evangelischen Schulwesens trat im Jahr 1858
eine wichtige Änderung ein. Bereits am 20.
November 1857 hatte das evangelische Kirchen-
und Schulpatronats-Kollegium auf das Schulpatronat Verzicht geleistet. Die
Genehmigung dieses Verzichts durch die Regierung erfolgte am 20. April 1858. Von nun an unterstand
die Verwaltung sämtlicher äußeren Angelegenheiten der evangelischen Stadtschule
allein dem Magistrat, ein Umstand, der für die finanzielle und bauliche
Entwicklung dieser Schule in der Zukunft nur von Vorteil sein konnte. Seit dem
gleichen Jahre verfügte auch die evangelische Kirchgemeinde über einen eigenen Leichenwagen, der ihr von der Kaufmannswitwe
Kellner geschenkt wurde.
Die gewaltige
Feuersbrunst in Frankenstein, der die
Nachbarstadt zum größten Teil zum Opfer fiel, brach am Nachmittag des 24. April 1858 aus. Alsbald rüstete man in
Reichenbach eine Hilfskolonne aus, die den nahezu 5000 Obdach- und Nahrungslosen am Brandort Lebensmittel und Kleidungsstücke
überbrachte. Ferner stellte man durch Sammlung etwa 800 Taler zur Linderung der größten Not zur Verfügung.
Die Arbeiten an
der Eisenbahnstrecke Reichenbach—Frankenstein
waren inzwischen soweit gediehen, dass am 21.
Oktober 1858 die Abnahme erfolgen konnte. Hieran schloss sich am 28. Oktober die feierliche Eröffnung der
neuen Linie. Seit dem 1. November
dieses Jahres besteht zwischen den beiden Städten regelmäßiger Zugverkehr, der für
Handel und Gewerbe bald eine weitere Belebung brachte. Die größten
Schwierigkeiten hatte der Durchstich des Hahnberges
bereitet. Auf einer Strecke von etwa 300
Metern musste das aus Gneis, Diorit
und Serpentin bestehende Felsgestein
durch Sprengungen beseitigt werden, streckenweise bis zu einer Tiefe von 13 Metern. Noch heute müssen längere Personen-
und Güterzüge unter Volldampf in langsamer Fahrt die beträchtliche Steigung
erklimmen, die von Reichenbach über
den Hahnberg hinweg zum Bahnhof Gnadenfrei führt. Versuche, eine
Linienführung längs der Dörfer von Niederpeilau-Schlössel
bis Gnadenfrei in die Tat umzusetzen,
scheiterten an der damals noch allgemeinen Abneigung gegen das neuzeitliche Verkehrsmittel,
dem selbst die maßgeblichen Behörden des Kreises ohne regeres Interesse
gegenüberstanden. Heute wird die damals erreichbar gewesene Linienführung schmerzlich
vermisst, hätte sie doch den Absatz landwirtschaftlicher und industrieller
Produkte aus den wohlhabenden Dörfern aufwärts der Peile wesentlich erleichtert.
Zu erwähnen ist
noch aus dem Jahre 1858, dass zu
dieser Zeit die Lehre der Wiedertäufer
in der Stadt eine stärkere Ausbreitung erfuhr. Es bildete sich eine eigene
Gemeinde, die in einem kleinen Teiche zwischen der Beutlergasse und der Gansau
die Taufe ihrer Glaubensanhänger vollzog. Die Volkszählung vom 3. Dezember ergab 5813 Einwohner, wobei die weibliche Einwohnerschaft die männliche
um mehr als 400 Köpfe überwog.
Das Jahr 1859 drohte erneut mit Kriegsgefahr. Die
aus diesem Grunde von der Staatsregierung ausgeschriebene Kriegsanleihe fand in Reichenbach
wie in Langenbielau starke
Beteiligung. Allein von 90 Personen
wurden 28 600 Taler gezeichnet. Im
Herbst dieses Jahres erhielt die Stadt einen bedeutungsvollen Besuch. Am 21. September traf Prinz Friedrich Wilhelm mit seiner Gemahlin, der englischen Prinzessin Viktoria, mit der Eisenbahn
in Reichenbach ein. Zu dem prächtigen
Empfange, der dem Paare von den Kreis- und Stadtbehörden, der Geistlichkeit und
der Freimaurerloge bereitet wurde,
hatte sich auch der Fürstbischof Dr.
Heinrich Förster aus Breslau eingefunden.
Nach Vorstellung seiner Gemahlin nahm der Prinz eine poetische Begrüßung durch
die Gräfin Sandreczky-Sandraschütz
und ihre Tochter huldvoll entgegen. Die Stadt selbst prangte im Schmucke von
Blumen und Girlanden. Während der Rundfahrt des Paares bildeten die Schützengilde,
die Veteranenvereine und die Schulen Spalier. Lauter Jubel erfüllte die
Straßen, als das stattliche Paar, überallhin freundlich grüßend, durch die Menge
fuhr, um am Nachmittag die Stadt wieder zu verlassen. Eine Woche später, am 28. September, erhielt Reichenbach erneut den Besuch des Breslauer Fürstbischofs. Diesmal galt
es, das 700-jährige Jubiläum der katholischen Stadtpfarrkirche in
würdiger Weise zu feiern. Sein Einzug gab ein Bild des in der Stadt herrschenden
guten Einvernehmens der beiden großen, christlichen Bekenntnisse. Unterschiedslos
waren die Häuser festlich geschmückt. Nach Empfang durch die kirchlichen und
öffentlichen Behörden begab sich der Kirchenfürst in das altherwürdige
Gotteshaus und erteilte den dort versammelten Gläubigen seinen Segen. Ein Festessen
am Nachmittag vereinigte die Geistlichkeit beider Konfessionen. Den Abend des
folgenden Tages beschloss eine prächtige Illumination. Am 30. September und 1. Oktober
wurden gegen 3000 Firmlinge gefirmt;
dann verließ der Fürstbischof wieder die Stadt, nachdem er zuvor dem Bürgermeister Wagner 100 Taler zur Verteilung an die Ortsarmen
übergeben hatte. Zum dritten Male in diesem Jahre erlebte Reichenbach einen Festtag, als am 10. November 1859 der hundertste Geburtstag des großen Dichters Friedrich von Schiller mit einer
eindrucksreichen Feier im Saal des Gasthauses „Zur Sonne“ begangen wurde. Allgemein zahlreich war der Besuch
dieser Veranstaltung, die aus Deklamationen aus den Werken des Dichters, aus
Gesängen und Vorträgen auf Flügel und Harmonium bestand. Als Erinnerungsgabe
wurden den städtischen und Ernsdorfer Schulen Schillers Werke geschenkweise überwiesen. Am gleichen Tage war dem
in der Stadt wohnenden Schuhmacher Schiller
ein Sohn geboren worden. Bei diesem übernahm die einzige noch lebende Tochter
des Dichters, Frau von Gleichen, die
Patenstelle. Das Kind starb jedoch im zartesten Alter. Dem ständig sich steigernden Verkehr waren die in Form
antiker Triumphbogen erhalten gebliebenen Stadttore
recht hinderlich geworden. So kam es, dass noch im Jahre 1859 das Breslauer Tor weggerissen
werden musste, um eine übersichtliche Einfahrt in die Stadt zu schaffen.
Am 2. Januar 1860 verstarb in einem Alter
von 82 Jahren der Stadtrat Polenz. Ihm
gebührt das Verdienst, die bereits in Vergessenheit geratene Sadebecksche Chronik ergänzt und bis zum
Jahre 1854 fortgeführt zu haben. Insbesondere
verdankt ihm die Stadt eine eingehende und unparteiische Darstellung der
Revolutionszeit von 1848. Am 1. Februar entstand ein „Comitee zur Gründung einer Realschule
erster Klasse in Reichenbach“. Ihm gehörten Bürgermeister Wagner, Graf Pilati, die Kaufleute Junge,
Storch und Weiß aus Reichenbach sowie Justizrat Rosemann aus Langenbielau an. Diese gründeten einen
Verein, der die Förderung des höheren Schulwesens der Stadt zum Ziele nahm. Es
bedurfte jahrelanger Bemühungen, bis 1868
endlich der gewünschte Erfolg erreicht war. Besonderes Verdienst an der
Errichtung dieser Realschule erwarb sich der Reichenbacher Kaufmann Wilhelm Winter. Im Nachstehenden sei ein
kurzer Einblick auf die Entstehung der Lehranstalt gehalten. Die Stadt verfügte
damals nicht über die nötigen Mittel, um selbst eine solche Schule zu bauen.
Sie mussten also im Wege privater Sammlungen aufgebracht werden; zu diesem
Zwecke wurden Anteilscheine zu 20 Talern
ausgegeben. Bereits im Jahre 1863 war
die namhafte Summe von 43 600 Talern
auf solche Weise bereitgestellt. Davon entfielen allein 22 880 Taler auf städtische Einwohner. Jetzt beschlossen auch die
Stadtverordneten, das Unternehmen durch einen jährlichen Zuschuss von 1000
Talern zu fördern. Als der Verein im Jahre 1866 ein Bauvermögen von 36
600 Talern nachweisen konnte, wurde mit dem Bau der Realschule außerhalb
der Schanze zwischen dem Breslauer
und Frankensteiner Tor begonnen. Ihr
Schöpfer war der Baumeister Fellbaum.
Das Schulgebäude ohne Turnhalle kostete 25 600
Taler. Am 15. Oktober 1868 konnte
schließlich die „König-Wilhelm-Schule“
als höhere Lehranstalt eröffnet werden. Sie wurde später auf Antrag der Stadt
vom preußischen Staate übernommen. Am
23. Oktober wurde sie feierlich
eingeweiht. Die Umwandlung in ein staatliches Realgymnasium erfolgte am 1. Oktober 1882.
Das zu Anfang des
Jahres 1860 aufgetauchte Gerücht, wonach
die Stadt in Kürze Garnison erhalten sollte, rief in der Bürgerschaft und
Stadtverwaltung geteilte Meinungen hervor. Auf der einen Seite wurde von der Belegung
mit Truppen eine Erhöhung des Warenabsatzes erwartet, auf der anderen Seite widerstrebte
man den drückenden Einquartierungslasten. Zudem waren auch die Ereignisse von 1844 und 1848 nicht dazu angetan gewesen, Sympathien für den bunten Soldatenrock
in der Arbeiterbevölkerung und bei den überzeugten Anhängern eines freien
Volksstaates zu werben. So kam es, dass bei dem damaligen Prinzregenten, späteren König
Wilhelm I., um Verschonung der Stadt von der Belegung mit Truppen nachgesucht
wurde. Trotzdem fiel die Entscheidung gegen diesen Wunsch aus, und am 30. Mai 1860 hielt das Füsilierbataillon des 10. Infanterie-Regiments,
das vorher in Rawitsch gelegen hatte,
in Reichenbach seinen Einzug. Die
Truppen wurden von dem Landrat, den Vertretern der Stadt und den Bürgerschützen begrüßt und mit
klingendem Spiel auf den Ring
geleitet. Kommandeur des Bataillons war der Major
von François, der später als General durch seinen Heldentod bei der
Erstürmung der Spicherer Höhen im Feldzuge 1870/71 bekannt geworden ist.
Er weilt bis zum Jahre 1866 in Reichenbachs Mauern.
Im Juni 1860 richtete Hochwasser in der Niederstadt vor dem Tränktore (Trenktore) erheblichen Schaden an. Häufige Wolkenbrüche
machten auch die Wege und Stege außerhalb der Stadt unpassierbar. Auf die
Nachricht vom Ableben des geistig umnachteten Königs Friedrich Wilhelm IV. fand am 2. Januar 1861 die Vereidigung der Garnison auf den neuen König,
nachmaligen Kaiser Wilhelm I., statt.
Der 3. März 1861 ist der Gründungstag des Reichenbacher Männer-Turnvereins, der
bald eine beträchtliche Mitgliederzahl aufwies, die auf dem Turnplatz unter den
Linden am Schießhaus eifrig im Geiste
des Turnvaters Jahn sich den Leibesübungen
widmete. Einen seltenen Besuch erlebte die Einwohnerschaft am 15. August. Mehr als hundert Störche
hatten die Stadt als Nacht- und Rastquartier gewählt. In dichten Reihen saßen
die langbeinigen Gäste auf dem Turm der katholischen Kirche und auf den Dächern
anderer hoher Gebäude.
Am 22. Mai 1862 traf die Breslauer Burschenschaft „Wratislavia“ in
Reichenbach ein, die tags darauf
ihren Antrittskommers in Ulbrichshöhe feiern wollte. Studentische
Ausgelassenheit belebte an diesem Tage den Marktplatz. Unter den Musensöhnen
befand sich auch der bekannte schlesische Dialektdichter Robert Rößler, der im „Reichenbacher
Wochenblatt“ das mundartliche Gedicht „Abschied
von Reichenbach“, wohl eines seiner ersten, veröffentlichte. Am 15. und 16. Juli fand in der Stadt das erste
Gaufest des Mittelschlesischen Turngaues
statt, das von mehr als 700 Turnern
besucht war. Bei dieser Gelegenheit begingen die Turnvereine aus Reichenbach, Wüstewaltersdorf und Wüstegiersdorf
ihre Fahnenweihe.
Bei prächtigem
Wetter fand am 17. August 1862 die
hundertjährige Gedenkfeier der Schlacht
am Fischerberge statt. Nahezu 8000
Köpfe zählte die Festversammlung, die sich an der historischen Stätte zusammenfand,
unter ihr auch Kriegsveteranen, die Uniformen der friderizianischen Zeit
trugen. Während der Rittergutsbesitzer Marx
die Festrede hielt, überbrachte ein reitender Postillion den telegrafischen
Gruß des Königs Wilhelm I. Dem Postamt
war am 1. September ein Telegrafenamt
angegliedert worden, wie es einem seit längerem vorhandenen Bedürfnis der
heimischen Industrie entsprach. Seit geraumer Zeit schwebten Verhandlungen, die
Beleuchtung der Plätze und Straßen anstelle der Öllampen mit Gas zu bewerkstelligen.
Wohl stimmten die Stadtverordneten am 10.
September 1862 dieser neuen Beleuchtung zu, aber die Stadt konnte sich noch
nicht entschließen, eine eigene Gasanstalt zu errichten. Dies tat jedoch ein
unternehmender Privatmann, der Ingenieur
Menzel. Er erbaute im gleichen Jahre auf dem Gelände der Nachbargemeinde Ernsdorf ein Gaswerk, und die Stadt verpflichtete sich vertraglich, das Gas aus
seiner Anstalt für die Dauer von 25
Jahren zu beziehen. Im folgenden Jahre erfolgte die Anlage der Rohrleitungen
und am 8. Oktober 1863 erstrahlten
die Straßen zum ersten Male im hellen Schein der Gasflammen. Im politischen
Leben war inzwischen ein Umschwung eingetreten. Die Wahlen zum Preußischen Landtag ergaben im Wahlkreise Waldenburg-Reichenbach den
Sieg der liberalen Partei, deren Kandidaten Rittergutsbesitzer Nitschke aus Girlachsdorf, Fabrikbesitzer Reichenheim
und Stadtgerichtsrat Twesten, beide
aus Berlin, in das neue Staatsparlament
ihren Einzug hielten. Von diesen erlangte Twesten
später größere Bedeutung.
Zu Beginn des April 1864 trat derart starker Schneefall
ein, dass die Eisenbahnzüge auf freier Strecke liegenblieben. Vom 7. bis zum 9. April war Reichenbach ohne Zugverbindung, der Hahndurchstich konnte sogar erst am 10. April freigelegt werden. Als letztes
der alten Stadttore wurde in diesem Jahre das Schweidnitzer Tor abgetragen. Die drei anderen Tore waren bereits
in den Vorjahren niedergelegt worden. Rechts des Frankensteiner Tores wurden durch Zuschüttung des Schanzgrabens schöne Promenadenanlagen bis hinauf zur Hohen Schanze geschaffen. Beim Abbruch
dieses letzten, alten Tores verschwand auch das daneben befindliche Kirchenwächterhaus der evangelischen
Gemeinde, die als Ersatz das bisherige Torwächterhaus
gegenüber der Kirche erhielt. Die neue Zeit mit ihrem gesteigerten Verkehr
hatte es schon seit längerem als Übelstand empfinden lassen, dass die innere
Stadt nur auf den vier Hauptstraßen erreichbar war. Besonders dem Bestreben des
Kaufmanns Moritz Junge war es zu danken,
dass nun auch die Klosterstraße einen
Durchbruch durch die Stadtmauer erhielt, der aber bis zum Jahre 1883 nur für Fußgänger geöffnet war. Bei
dieser Gelegenheit wurde auch der dort in der Stadtmauer befindliche Pulverturm
niedergelegt. Zur Aufbewahrung des Pulvers diente seither ein besonderes
Gebäude im Schießhausgarten. Von dem dänischen Feldzug hat Reichenbach wenig zu spüren bekommen. Die
Garnison war nach einjähriger Abwesenheit an der polnischen Grenze eben erst am
1. Februar 1864 in die Stadt
zurückgekehrt, als sie schon am 5. März
wieder ins Feld rücken musste. Sie nahm an den Schlachten des Krieges nicht
teil. Lediglich im Nachtgefecht bei Sönder-Bally
in Jütland und im Vorpostendienst in Nordjütland kam sie ins Feuer. Als das
Bataillon, es war das dritte des 10.
Regiments, am 24. Dezember in Reichenbach aus siegreichem Feldzuge in
die alten Quartiere rückte, wurde ihm von Seiten der Bürgerschaft ein festlicher
Empfang zuteil. Trotz des Krieges war die Bevölkerungszahl wiederum erheblich
gestiegen, eine Folge der sich kräftig weiter entwickelnden Webwarenindustrie.
Die Zählung vom 3. Dezember 1864
ergab 6238 Einwohner, somit in den
letzten drei Jahren einen Zuwachs von 454
Köpfen. Trotz alledem hatte sich die wirtschaftliche Lage der
Weberbevölkerung keineswegs gebessert. Seit dem Kriegsjahr 1864 begann die Sozialdemokratie in der Stadt wie im Kreise festen
Boden zu gewinnen, denn der Marxist Lassalle
und dessen nächste politischen Freunde entfalteten hier ihre politische
Tätigkeit, und in zahlreichen Volksversammlungen waren die sozialen Missstände
der besondere Gegenstand öffentlicher Erörterungen. Nun setzte auch die Staatsregierung eine besondere Kommission ein, die in eine nähere
Prüfung der Ursachen für den Notstand der Weber eintreten sollte. Es kam aber
nicht viel dabei heraus. Versuche, die Söhne aus den Weberfamilien in ein
anderes Handwerk zu überführen, scheiterten an der Abneigung, den vertrauten
Beruf zu wechseln, in dem die Kinder der Weber schon von frühester Jugend her
tätig sein mussten; denn der Verdienst des Einzelnen war gering.
Schon seit
einigen Jahren trugen sich die städtischen Behörden mit dem Gedanken, das alte,
unzulänglich gewordene Rathausgebäude
durch einen großen Neubau zu ersetzen. Hierzu hatte man aus Mitteln der Stadtspar- und Darlehnskasse einen
ansehnlichen Grundstock gebildet, aber ein unerwarteter Zwischenfall verzögerte
den Bau um weitere zehn Jahre. Am 12.
Oktober 1865 wurde der Kassenrendant
von Kornatzky nach Unterschlagung von
nahezu 140 000 Mark flüchtig. Es
stellte sich heraus, dass der ungetreue Beamte einigen seiner Bekannten
jahrelang übermäßigen Kredit eingeräumt hatte, ohne dass die Kuratoren der Kasse dies entdeckt
hatten. Sie mussten deshalb einen Teil der Fehlsumme aus eigenen Mitteln
ersetzen. Der Defraudant entkam nach Amerika,
wo er in Armut gestorben ist. Den Schaden hatte aber im Wesentlichen die Stadt
selbst zu tragen.
Eben erst schien
dieser Unglücksschlag überwunden, als sich im Frühjahr 1866 bereits neue Kriegsgefahr am politischen Horizont zusammenzog.
Diesmal stand der Feind unweit der Stadt, jenseits der Gebirgskämme. Am 6. Mai traf der Mobilmachungsbefehl ein.
So kam es, dass die für den 11. und 12.
Mai in Reichenbach angesetzte große Tierschau nur mäßig beschickt und besucht
war. Am 22. Mai rückte die Garnison
an die Grenze. Diesmal geleitete sie kein lauter Jubel zur Stadt hinaus,
gedachte doch jeder der drohenden Nähe der kommenden Kriegsereignisse. In der
Stadt wurde alsbald eine Schutzwehr
gebildet, die zumeist mit Lanzen bewaffnet war und unter dem Befehl des Bürgermajors Kaiser und des Baumeisters Fellbaum stand. Ihr lag der
Schutz des Besitztums der Bürger ob, für den Fall, dass bei einem unglücklichen
Kriegsverlauf neben feindlichen Truppen auch Marodeure die Gegend unsicher machen
sollten.
Der Verlauf des
Krieges machte freilich alle diese Befürchtungen überflüssig. Seit den letzten
Tagen des Monats Mai stand eine gewaltige Armee längs des Eulengebirges bereit, um den Angriff der preußischen Waffen in das
österreichische Land zu tragen. Truppenteile der Garde, des ersten, fünften und
sechsten Korps, die zur Armee des Kronprinzen
Friedrich Wilhelm gehörten, nahmen abwechselnd in der Stadt Quartier. Von
früh bis spät ertönten Trommelwirbel und Hörnerklang durch die vordem so
friedlichen Straßen. Unabsehbare Marschkolonnen brachten jeden anderen Verkehr
zum Stocken. Schier endlose Wagenzüge der Kriegsbagage füllten den Ring bis auf den letzten Platz aus. Hilfsbereit
bot die Einwohnerschaft den Soldaten Erfrischungen aller Art. Das Johnniterkrankenhaus Bethanien war in
ein Kriegslazarett umgewandelt
worden, in dessen Garten die großen Pfingstzelte
der Bürgerkompagnien aufgeschlagen waren, um im Notfalle als Verbandsplatz
zu dienen. Bis über die Mitte des Juni hielt das kriegerische Treiben in den
Mauern der Stadt an. Dann rückten die letzten Truppen nach und nach über die
Berge an die feindliche Grenze. In banger Erwartung verstrichen die nächsten
Tage. Jede Nachricht vom Kriegsschauplatz wurde mit Begierde aufgenommen. Trotz
aller Siegeszuversicht lastete doch der Bann der Ungewissheit auf den
Daheimgebliebenen. Bald sollte nun aber die Entscheidung fallen.
Am 27. Juni trug der Wind das dumpfe Rollen
des Kanonendonners aus der Gegend von Nachod
und Trautenau über die Berge, das
erst gegen Abend allmählich verstummte. In banger Erwartung verstrich die Nacht.
Groß aber war der Jubel, als Meldereiter am nächsten Morgen die Kunde von dem
erfolgreichen Vorgefecht bei Nachod
brachten. Noch am gleichen Tage trafen die ersten Verwundeten ein, und nun
erfuhr die wissbegierige Einwohnerschaft nähere Einzelheiten über die
siegreichen Kämpfe der vordringenden preußischen Heeressäulen. Alles eilte am 30. Juni zum Bahnhof, als die Nachricht
sich verbreitete, dass ein Transport Gefangener mit der Eisenbahn durchfahren
würde. Wirklich passierten auch an diesem Tage 1300 Österreicher die Stadt. Durch dargereichte Erfrischungen
bewiesen die Bürger ihren menschenfreundlichen Sinn gegenüber dem geschlagenen Feinde.
Dennoch sollte für
die Stadt noch eine Nacht großer Beunruhigung hereinbrechen. Am 3. Juli, kurz vor Mitternacht, ertönten
plötzlich die Sturmglocken, und schmetternde Signale riefen die Schutzwehren auf ihre Sammelplätze.
Alsbald füllten sich die Straßen mit aufgeregten Menschen. Der Ruf: „Die Österreicher kommen!“ pflanzte sich
mit Windeseile fort. Überall begann man, in Hast die Wertsachen in Sicherheit
zu bringen. Trotz des allgemeinen Getümmels sammelten sich die Schutzwehren rasch und rückten in guter
Ordnung vor die Stadt, um Ausschau zu halten, aus welcher Richtung Marodeure
kommen könnten. Aber nirgends war von ihnen eine Spur zu entdecken. Ebenso
blieben flüchtende und versprengte Truppenteile, die sicheren Anzeichen des
befürchteten Rückzuges, aus. Nur ganz aus der Ferne trug der linde Sommerwind
hin und wieder den Schall dumpfen Geschützdonners herüber, und als der Morgen graute,
musste man sich gestehen, dass jede Aufregung unnütz gewesen war. Weit und
breit war kein Feind zu sehen. Friedlich lag das schlesische Heimatland zu
Füßen der grünen Berge. Es ist nicht aufgeklärt worden, wodurch die Alarmnachricht
hervorgerufen worden ist. Reichenbach
konnte sich aber mit den Nachbarstädten Schweidnitz,
Freiburg und anderen trösten, die aus
demselben Anlass eine ähnliche Schreckensnacht durchlebt hatten.
Umso größer war der
Jubel, als am 4. Juli der
entscheidende Sieg der vereinigten preußischen Armeen bei Königgrätz bekannt wurde. Im Nu prangten die Häuser überall in
reichem Flaggenschmuck. Unter Absingung vaterländischer Lieder zog man durch
die Straßen, und eine Illumination beschloss den ereignisreichen Tag. Eine
Abordnung von Bürgern begab sich mit sechs Fuhren voll Liebesgaben auf den
Kriegsschauplatz. Sie waren für das in Reichenbach
beheimatete Füsilierbataillon des schlesischen
Grenadierregiments Nr. 10 bestimmt. Dieser Truppenteil hatte am 22. Juni als erste preußische Kolonne
die österreichische Grenze bei Ziegenhals
überschritten, nach anstrengenden Märschen und schweren Vorpostengefechten an
der Schlacht bei Königgrätz ruhmreichen
Anteil genommen und starke Verluste erlitten. Unter den Verwundeten befand sich
neben dem Bataillonskommandeur, Oberstleutnant
Neumann, auch der Führer der 9.
Kompagnie, Hauptmann Schall, der
später als pensionierter Major in Reichenbach
wohnte und hier mit anderen im Jahre 1868
den wissenschaftlichen Verein „Philomathie“
begründete. Andere Söhne der Stadt hatten im 11. Infanterieregiment mitgekämpft, das in der siegreichen Schlacht
von Langensalza größere Verluste erlitt.
Insgesamt sind die Namen von sechs Reichenbachern
und Ernsdorfern verzeichnet die im Feldzuge
von 1866 ihr Leben für die Heimat
hingaben.
Bald lernte die
Einwohnerschaft auch den Jammer des Krieges kennen. Immer mehr füllte sich das Kriegslazarett. Bis zur Mitte des
Septembers waren im Krankenhaus Bethanien
277 verwundete und kranke Krieger
beider Mächte untergebracht, von denen 8
starben. Ob Freund oder Feind, gab den Toten die Bürgergarde das Ehrengeleit und die Salve über das Grab. Von
gegnerischer Seite haben zwei Österreicher
auf dem katholischen Friedhofe an der
Begräbniskapelle und ein Sachse auf dem evangelischen Bergmannschen Friedhof ihre letzte Ruhestätte
gefunden. Leichtverwundete erhielten in den Bürgerfamilien Unterkunft und
liebevolle Pflege. Leider schleppten im September
erkrankte Soldaten die Cholera in Reichenbach ein. Die tückische Seuche verbreitete
sich in wenigen Wochen trotz aller Vorsichtsmaßregeln über die ganze Stadt. Insgesamt
erkrankten daran 241 Personen, wovon 106 der damals noch schwer heilbaren Krankheit
erlagen. So brachte der Krieg wiederum eine harte Prüfung über Reichenbach, indessen man sich bereits
rüstete, die nach rasch beendetem Feldzuge siegreich heimkehrenden Krieger festlich
zu empfangen. Die alte Garnison kehrte in ihre Mauern nicht mehr zurück. Sie
war nach Oels versetzt worden. An
ihrer Stelle bezog das 3. Bataillon des Infanterieregiments
Nr. 18 in der Stadt sein Standquartier. Kommandeur des Bataillons war der Major Graf Finck von Finckenstein, der
im Feldzuge von 1870/71 als Regimentschef
in der Schlacht bei Beaumont fiel.
Feierlich und mit festlichem Jubel wurde in Kirche und Öffentlichkeit am 12. November 1866 das Friedensfest
begangen, umso freudiger, als zu dieser Zeit das Wüten der Cholera bereits im Erlöschen war. Jetzt durfte auch wieder das Ausläuten
Verstorbener vorgenommen werden, das während der Epidemie polizeilich verboten
worden war, um die Bevölkerung nicht ständig an den lauernden Tod zu erinnern.
Segensreich hatten in diesen Tagen neben den in der Stadt tätigen evangelischen Schwestern auch die katholischen Grauen Schwestern gewirkt, die
unter Nichtbeachtung der Ansteckungsgefahr die Cholerakranken aufopfernd
pflegten.
Die Wahlen zum
norddeutschen Parlament am 12. Februar
1867 ergaben im Wahlkreise Reichenbach-Neurode
nach erfolgter Stichwahl den Sieg der liberalen Partei, deren Kandidat Twesten mit einer bedeutenden Stimmenmehrheit
gegenüber dem konservativen Landrat
Olearius gewählt wurde. Gleichzeitig lehrten sie aber auch das starke Anwachsen
der Sozialdemokratie, die nahezu ein Viertel der abgegebenen Stimmen auf ihren
Kandidaten vereinigen konnte. Die Stadt Reichenbach
wählte, wie schon früher, überwiegend liberal. Weite Kreise der Bevölkerung
nahmen an der feierlichen Grundsteinlegung
der Realschule am 6. Juni 1867
teil. Festlich beging man am 3. Juli
den Gedenktag der Schlacht bei Königgrätz.
Vor dem Schießhause wurde eine Friedenseiche gepflanzt. Ein Gleiches tat
man im benachbarten Ernsdorf auf dem Anger zwischen der Peile und dem Straßenmühlgraben.
Unter der Ernsdorfer Eiche wurde ein
Jahr später ein steinernes Denkmal
errichtet, das auf einer Metalltafel die Namen der einheimischen Gefallenen angibt.
Bei beiden Festlichkeiten hielt der Färbereibesitzer Urbatis die Festrede. Die einheimische Industrie trat im Jahre 1867 erstmalig auf der Pariser Weltausstellung in den Weltwettbewerb
und fand dort durch Verleihung der bronzenen Medaille an die Fabrikanten Dierig und Postpischil in Langenbielau
gebührende Anerkennung.
Am 19. Juli 1867 erhielt die Stadt seltenen
Besuch. General von Moltke, der Chef
des Generalstabes der preußischen Armee,
traf auf einer Besichtigungsreise hier ein und nahm auf zwei Tage im Hotel ,,Zur goldenen Krone“ Aufenthalt. Ihm zu
Ehren zeigten die Häuser reichen Flaggenschmuck. Als der nachmalige Feldmarschall
auf dem Rittergut Kreisau seinen Wohnsitz
nahm, besuchte er mehrfach Reichenbach.
Oft genug blieb er wegen seines schlichten Auftretens unerkannt. Bei der Volkszählung am 3. Dezember 1867 ergab
sich eine Einwohnerzahl von 6621 Seelen,
mithin eine Zunahme von 338 Personen in
den letzten drei Jahren.
Um die Garnison
in Reichenbach zu erhalten, wurde zu Beginn
des Jahres 1868 hinter dem Schießhausplatz ein Exerzierschuppen aufgestellt, der aus der Festung Silberberg bezogen worden war. Die Kosten übernahm die
Stadt. Am 27. Februar bot sich den
Einwohnern ein bis dahin noch nie gesehenes Schauspiel. Auf Veranlassung des wissenschaftlichen
Vereins „Museum“ erstrahlte der
Rathausturm des Abends, im hellen Glanze elektrischen Lichts. Es handelt sich
jedoch nur um ein Experiment, das eine Stunde dauerte. Mit dem 1. April 1868 wurden in der Stadt
allgemeine Schulsteuern nach Maßgabe der Steuereinschätzung erhoben, während
vorher nur die Eltern schulpflichtiger Kinder Schulabgaben zahlen mussten. Die
am 30. April über den Niederkreis hereingebrochene Windhose,
die große Zerstörungen anrichtete, ging zum Glück an der Stadt vorbei.
Die evangelische Kirchgemeinde rückte in
diesem Jahre aus eigenartigem Anlass in den Mittelpunkt der öffentlichen
Geschehnisse. Kurz nach der Einweihung des evangelischen
Kinderhorts in einem eigenen Grundstück in der Breslauer Vorstadt, die am 26.
Juni 1868 erfolgte, war ein alter Streit mit der obersten Kirchenbehörde
entbrannt, der Reichenbach bald in
allen Teilen Deutschlands bekannt
machte. Bereits in den Jahren 1854
und 1858 hatte sich die Kirchgemeinde
der Einführung des neuen Hahnschen
Gesangbuches nachhaltig widersetzt und damals erreicht, dass sie das Gerhardsche Kirchenliederbuch weiter behalten
konnte. Als nun im Jahre 1868 vom Konsistorium erneut die Weisung erging,
das neue Gesangbuch einzuführen, brach der Streit wieder los, diesmal mit einer
Lustigkeit, die in den kirchlichen Frieden der Gemeinde tief einschnitt. Von 1552 stimmberechtigten Gemeindemitgliedern
widersprachen nicht weniger als 1300
dem Verlangen der obersten Kirchenbehörde. Der Kampf zwischen beiden Stellen
zog immer weitere Kreise. Aus allen Teilen Deutschlands
gingen der ihr Recht verfechtenden Gemeinde Zustimmungserklärungen zu. Es brach
eine Art von Gesangbuchrevolution aus. Drei Mitglieder des Gemeindekirchenrates,
die bei Anwesenheit des Konsistorialrates
die Änderung der Liedertafeln mit Gewalt verhindert hatten, wurden ihrer Ämter
entsetzt und in eine strafrechtliche Untersuchung gezogen, die man aber später
einstellte. Der Streit erreichte seinen Höhepunkt nach dem Tode des Pastors prim. Weinhold, dem anlässlich
seines am 9. Juni 1870 begangenen Amtsjubiläums
das Ehrenbürgerrecht der Stadt verliehen worden war. Die amtierenden Pastoren König und Lauterbach verweigerten die Absingung von Liedern aus dem Hahnschen Gesangbuch, worauf ihnen am 24. November 1871 die Amtsausübung
untersagt wurde. Da die Geistlichen ihre Gesinnung nicht änderten, wurden sie
am 10. Januar 1872 endgültig ihres
Amtes enthoben. Der größte Teil der Gemeinde stand aber auch jetzt noch treu zu
ihnen, und der Kirchenbesuch war in den nächsten Monaten verschwindend gering.
Schließlich verstand sich das Konsistorium
dazu, die Geistlichen am 16. Juli 1872
wieder in Amt zu berufen, wofür den Pastoren durch einen Fackelzug die Freude
der Gemeinde bezeigt wurde. Schließlich setzte die Kirchenbehörde ihren Willen
doch durch. Es kam eine Vereinbarung zustande, wonach beide Gesangbücher
gleichzeitig benutzt und nur solche Lieder gesungen werden sollten, die in
beiden Büchern standen. Pastor König,
ein hervorragender Kanzelredner, starb schon in jungen Jahren am 2. März 1872. Sein Amts- und
Streitgenosse ging im Jahre 1880 an
die Friedenskirche in Hirschberg.
Außer dem
Experiment mit der elektrischen Beleuchtung des Rathausturmes ist auf dem
Gebiete der technischen Neuerungen noch die Absendung des ersten Telegramms von
Reichenbach nach Amerika erwähnenswert. Ein einheimischer Fabrikant richtete es im
September 1868 an einen
Geschäftsfreund jenseits des großen Wassers. Es zählte 50 Worte, kostete nahezu 80
Mark und langte auf dem Wege durch das Überseekabel nach sechs Stunden in New York an. Beim Tode des Kaufmanns Reinhold Otto Clauß im Januar 1869 fielen der Stadt weitere namhafte
Stiftungen zu. Sie erhielt ein Kapital von 12 000
Talern, deren Zinsen für bedürftige Arme bestimmt waren. Eine zweite
Fundation von 2000 Talern sollte der
Unterstützung der Lehrerschaft an der evangelischen
Stadtschule dienen. Mit der Zunahme der Bevölkerung in den letzten hier
geschilderten Jahrzehnten hatten sich auch die Geschäfte der Stadtverwaltung
ständig vermehrt. Es erschien deshalb den städtischen Körperschaften billig,
das Gehalt des Bürgermeisters zu Beginn des Jahres 1870 von 700 auf 1000 Taler zu erhöhen.
Indessen sich im
schlesischen Heimatland nach dem Feldzug von 1866 die freundnachbarlichen Beziehungen zu den Stammesbrüdern
jenseits der Sudeten aufs Neue anbahnten
und sich die alten Handelsbeziehungen wieder fester knüpften, ballten sich
bereits im Frühjahr 1870 im Westen
des deutschen Landes gefahrdrohende Kriegswolken am politischen Himmel
zusammen, und mit Sorge verfolgte jedermann den Gang der sich dort
entwickelnden Ereignisse; war doch von dem Ausbruch und Verlauf eines neuen
großen Krieges die einheimische Textilindustrie in weitem Maße abhängig. Der
Sommer zog ins Land, schon rüstete man sich zur Einbringung der Ernte. Allenthalben
hoffte man, dass der Frieden noch einmal erhalten bliebe, als die Zeitungsnachrichten
von dem Zwischenfall in Bad Ems mit
einem Schlage den Ernst der Lage erhellten. Am 16. Juli 1870 machte gerade das Garnisonbataillon
auf dem großen Exerzierplatz an der Peterswaldauer Straße seine gewohnten Felddienstübungen,
als ein reitender Bote dem Kommandeur den Mobilmachungsbefehl
überbrachte. Das bedeutete soviel wie Krieg gegen Frankreich. Mit klingendem Spiel und dem Gesang des Liedes „Ich bin ein Preuße“ kehrte das Bataillon
sofort in die Stadt zurück, um sich Kriegs-und marschfertig zu machen. Alle
Geschäfte gerieten ins Stocken. Reservisten
und Landwehrleute mussten dem Ruf zu
den Fahnen folgen. Täglich wiederholte sich am Stadtbahnhof das Bild der von ihren Angehörigen Abschied nehmenden
Krieger, die sich zu ihren Truppenteilen begaben. Bange Sorge zog in so manches
Heim ein, Stille herrschte bald in mancher Werkstatt. Nur die Kinder
begleiteten mit hellem Jubel am 26. Juli
das abrückende Bataillon vor die Tore der Stadt, nachdem die Truppen zuvor auf
dem Marktplatz feierlich
verabschiedet worden waren. Die Reichenbacher
Garnison hat an den größeren Schlachten des Krieges nicht teilgenommen; sie
kam aber bei der Einschließung von Paris
ins Gefecht und stand dort wacker ihren Mann. Die Zeichnungen zur Bundeskriegsanleihe
erbrachten in der Stadt die Summe von 33
900 Talern. Daneben betätigten die Daheimgebliebenen ihren Wohltätigkeitssinn
durch Sammlungen für die Krieger und bei der Unterstützung der Familien den
eingezogenen Landwehrleute und Reservisten. Die beiden Zeitungen der
Stadt veröffentlichten die eintreffenden Depeschen vom Kriegsschauplatz durch Extrablätter, deren Ertrag den Wohltätigkeitsfonds
zufloss. An den Läden des Kaufmanns Werk
und des Zigarrenfabrikanten Schindler
flatterten beim Eintreffen neuer Nachrichten Signalfahnen hoch, und dort fanden die Blätter stets reißenden
Absatz.
Sieg auf Sieg kündeten
jetzt die Zeitungen. In den Schulstuben suchten Buben und Mädchen mit heißen
Köpfen auf der Landkarte die Namen Weißenburg,
Wörth, Spichern. Auf dem Marktplatz formierte sich die siegesfreudige Menge
bei jeder Nachricht von einer gewonnenen Schlacht ohne weiteres zu Umzügen mit
Fahnen und Fackeln durch die prächtig geflaggte und des Abends illuminierte
Stadt. Bald sang der kleinste Knirps das immer wieder gehörte Lied von der „Wacht am Rhein“. Und Schlag auf Schlag
folgte: die Einschließung der Festung Metz,
die heißen Schlachten bei Gravelotte
und Saint-Privat, der Reiterkampf von
Mars-la-Tour.
 |
Das alte Rathaus
vor dem Abbruch im Jahre 1872, Ansicht von der Südecke des Ringes, vorn die
Garnisonwache |
Aber in die
allgemeine Siegesfreude mischte sich bald da und dort bitterer Schmerz, wenn
ein Feldpostbrief die Nachricht vom Heldentode des einen oder anderen brachte,
der erst vor wenigen Wochen raschen Abschied von den Seinen genommen hatte oder
wenn ein paar flüchtige Zeilen nach Hause den blutigen Ernst kündeten, mit dem
im fernen Westen um ein neues, großes
Deutschland gestritten wurde. Bald trafen
dann auch die ersten Züge mit Verwundeten ein, deren über 100 in der Stadt Aufnahme fanden. Groß war am 2. September wieder die Freude, als der Draht die Kunde von der siegreichen
Schlacht bei Sedan und der
Gefangennahme des französischen Kaisers
brachte; wähnte doch alles, dass damit der Krieg beendet sein würde. Aber noch
fast ein halbes Jahr sollte es dauern, bis die Botschaft kam, dass der Friede
endlich geschlossen worden sei. Nun erst atmete alles auf, denn die blutige Winterschlacht
bei Orleans, an der viele Reichenbacher Söhne teilgenommen hatten,
brachte wiederum so manche Trauerbotschaft in die Stadt. Insgesamt ließen 13 Krieger aus Reichenbach und 5 Ernsdorfer
in Frankreich ihr Leben für das
Vaterland. Zwölf Reichenbacher
kehrten mit dem Eisernen Kreuz geschmückt
in die Heimat zurück, unter ihnen der Arzt Dr.
Preu und der Stadtgutsbesitzer Wilhelm
Geisler.
Bereits am 10. März 1871 konnte im Hofe der König-Wilhelm-Schule die erste Friedenseiche gepflanzt werden. Unter
allgemeiner Beteiligung seitens der Stadtbevölkerung fand danach am 1. Juni 1871 auf dem südöstlichen Teile
der Stadtpromenade die Pflanzung der
städtischen Sieges- und Friedenseiche
in feierlicher Weise statt. Bei Anwesenheit der Vertreter sämtlicher
staatlichen und städtischen Behörden, der Geistlichkeit der drei Bekenntnisse —
zu den Gefallenen zählte auch der Sohn des Predigers der jüdischen Gemeinde —,
der Vereine und Schulen hielt der Bürgermeister
Schmalz die Weiherede. Das benachbarte Ernsdorf
pflanzte eine Friedenseiche am 18. Juni 1871, ihr zu Füßen wurde am 2. September 1872 ein Marmordenkmal zu
Ehren der fünf Ernsdorfer Gefallenen
gesetzt.
Das 3. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 18
kehrte nicht mehr in seine bisherige Garnison
Reichenbach zurück. An seiner Stelle traf am 5. November 1871 früh um 4 Uhr das
3. Bataillon des schlesischen Füsilier-Regiments Nr. 38 in der Stadt ein. Ihm
zu Ehren war Reichenbach festlich
erleuchtet und reichlich beflaggt. Unter dem Geläut aller Glocken zogen die siegreichen
Krieger in ihre neue Garnison. Seit dem 20.
April 1872 führte dieser Truppenteil als Anerkennung seiner rühmlichen
Waffentaten das Eiserne Kreuz an
seiner Bataillonsfahne.
Aus der
Kriegszeit sind noch einige bemerkenswerte Ereignisse im städtischen Leben
nachzutragen. Bereits am 1. April 1870
war von der Kindergärtnerin Anna Umlauf
eine Spielschule nach Fröbelschem Muster
in der Stadt errichtet worden, die rege besucht war. Noch während des Krieges war
Göttin Fortuna der Stadt hold
gewesen. Am 22. Oktober 1870 fiel in die
Reichenbacher Lotterieeinnahme von
Scharff auf das Los Nr. 31665
der dritte Hauptgewinn der Preußischen
Klassenlotterie in Höhe von 50 000
Talern. Mehrere in Feindesland weilende Krieger gehörten zu den glücklichen
Gewinnern. Gegen Ende des Februar 1871
hatte Schmelzhochwasser die Stadt empfindlich heimgesucht.
Rascher als
vorauszusehen war, vernarbten die Wunden des großen Krieges. Bei der Volkszählung am 1. Dezember 1871 ergab
sich eine Bevölkerungszahl von 6938
Seelen, mithin seit 1867 ein
neuer Zuwachs von 317 Personen. Schon
damals trug man sich mit dem Gedanken, eine städtische
Wasserversorgungsanlage zu schaffen. Im Jahre 1871 wurde hinter dem Schießhause
ein Versuchsbrunnen errichtet, der 1100 Taler kostete und sich als sehr
wasserreich erwies. Zur Anlage einer Wasserleitung wurde er jedoch später nicht
benutzt. Im Frühjahr 1872 fand die
Einweihung des neuen evangelischen Gemeindefriedhofes
im Osten der Stadt hinter dem jüdischen Begräbnisplatz
statt. Die Ernsdorfer Kirchgemeindemitglieder
schieden bei dieser Gelegenheit aus dem Kirchhofsverbande
aus und legten einen eigenen Beerdigungsplatz unweit der Straße nach Dreißighuben an. Ebenso erwarb die katholische
Kirchgemeinde im Juli desselben
Jahres an der Breslauer Chaussee ein
über drei Morgen großes Geländestück zur Anlage eines Friedhofes, der im Februar
1874 eingeweiht werden konnte. Diesem Gottesacker gegenüber erstand im
gleichen Jahre eine prächtige, weithin sichtbare Villa, deren Besitzer der Bankier Woldemar Weiß war. Sie gehört jetzt
der Schützengilde und ist eine gern
besuchte Gaststätte unter der Bezeichnung „Schützenhof“.
Inzwischen hatte sich für die Stadt wichtiges Ereignis vorbereitet.
Rekonstruktion und Anpassung an neue Rechtschreibregeln: Marcin Perliński (2025)
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(mit Vorwort, Anhang, Quellenverzeichnis und Namensregister)