Aus
der Geschichte Langenbielaus (1930)
Langenbielau
gehört zu den jüngsten Städten unseres deutschen Vaterlandes.
Obwohl seine große Bevölkerungszahl und seine große industrielle
Bedeutung schon längst eine Stadtwerdung für notwendig erachteten,
konnte dieses Ziel erst am
1. Mai 1924
verwirklicht werden. Damit ist für die Gemeinde
Langenbielau
ein Kampf, der seit etwa 56
Jahren,
seit der Einführung der Kreisordnung
1872,
mit Hartnäckigkeit, meist gegen den Willen der früheren Landräte,
geführt wurde, zu einem glücklichen Ende gebracht worden.
Vom
1.
Mai 1924
ab beginnt eine neue Epoche in der Geschichte unserer Stadt. Da lohnt
es sich, rückwärts zu schauen, und die Schicksale Langenbielaus
in den vergangenen Jahrhunderten zu überblicken.
Die
Entstehungsgeschichte Langenbielaus
ist in tiefes Dunkel gehüllt. Noch um das Jahr 1200
breitet sich von dem Eulengebirge
an bis hin zur Peile
der riesige Grenzwald,
die Preseka,
aus. Dieser Bannwald,
von den später nach Schlesien
einwandernden Deutschen der
Hag
genannt, diente zum Schutze gegen die räuberischen Böhmen
jenseits des Gebirges. Es war verboten, im Bannwalde
Bäume zu schlagen, auch durfte das Land vor dem Walde nicht bebaut
werden. Nur wenige Pfade führten über das Gebirge, an den
Übergängen waren mächtige Verhaue und an besonders geeigneten
Stellen wurden Ringwälle angelegt, die den Grenzwachen zum
Aufenthalt und Schutze dienten. Ein solcher Wall war auch auf dem
Otternstein.
Noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts fand man dort Feuerungen
mit Asche und Überreste eines Ringwalles.
Erst
zur Zeit Herzog
Heinrichs I., des Bärtigen,
des Gemahls der heiligen
Hedwig,
beginnt sich der Grenzwald
zu lichten. Es entstehen längs des Gebirges deutsche Siedlungen.
Nach seiner Anlage und der beträchtlichen Größe der Feldmark
zu schließen, muss Langenbielau
zur Zeit der ersten deutschen Einwanderung (1215—1235)
entstanden sein, da alle Dörfer, die nach dem Mongoleneinfall
1241,
also zur Zeit der zweiten deutschen Einwanderung, entstanden sind,
eine weit geringere Flur aufweisen.
Ehe
hier näher auf die Geschichte von Langenbielau
eingegangen wird, muss bemerkt werden, dass Langenbielau
im Wesentlichen, außer seiner früheren Einteilung in die einzelnen
Gemeinden, aus zwei Teilen bestand, dem weltlichen oder säkularischen
Teil, der sich in den Händen weltlicher Grundherren befand, und dem
geistlichen oder präbendatischen Teil, der bis 1759
dem Kreuzstifte
zu Breslau
gehörte. (Letzterer Teil wurde auch im Volksmunde die „Domgemeinde"
genannt, auch findet man in alten Urkunden für die Präbendaten oft
die Bezeichnung „Thumbherren“).
Die
erste urkundliche Erwähnung des Ortsnamens geschieht 1282.
In einer Urkunde der Stadt Reichenbach
vom 5.
Juli 1282,
worin der Herzog
Heinrich IV.
eine Fundation bestätigt, wonach der Erbrichter
Konrad von Reichenbach
dem damaligen Pfarrer
Heinrich
bestimmte Einkünfte für die Kirche verspricht, wird als Zeuge neben
Sibotonius
von Petirswald
auch Cunrad
von Bela
genannt. Als Ort wird Langenbielau
im Jahre 1288
zuerst urkundlich erwähnt. In diesem Jahre gründete Herzog
Heinrich IV. von Breslau,
der von dem Sänger Tannhäuser
besungene Minnesänger, dem Bischof
Thomas I. von Breslau
zu Ehren als Versöhnungsgeschenk nach langem Streite und zum
Seelenheile seiner Oheime Wladislaus,
weiland Erzbischof von Salzburg,
Ottokar,
weiland König von Böhmen
und Boleslaus
Herzog von Krakau,
das Kollegiatsstift
zum heiligen Kreuz
innerhalb der Mauern seiner Breslauer
Burg.
Als Pfründe gab er unter anderem 48
große Zinshufen in Bela
(Langenbielau).
Der Name Bielau
(bela, Bihlaw)
ist slawischen Ursprungs und stammt von biela
(poln.), „die
Weiße“,
so wurde der Bach wegen seines schäumenden Wassers genannt.
Schließlich hatten die einwandernden Deutschen den Namen von den
dort ansässigen slawischen Fischern übernommen und ihren Ort danach
benannt. Im Jahre 1367
übertrug der Erbrichter
Sindermann von der Biehle,
der Weise
genannt, mit Genehmigung des Herzogs
Bolko von Schweidnitz
den weltlichen Anteil Bielaus
seinem Schwiegersohn Nickel
von Peterkau,
der aber die Herrschaft nur 10
Jahre besaß, da er schon im Jahre 1377
starb. Das Gut fiel als erledigtes Lehen an Kaiser Karl
IV.,
König von Böhmen
und wurde von diesem im gleichen Jahre für 100
Schock Prager Groschen
(etwa 3450
Mark)
an Heinrich
von Czertitz
verliehen. In den noch vorhandenen Urkunden führt dieses Gut den
Namen Nedir
Biele,
später Bielaw,
dann Bielau.
(Den Namen Langenbielau
erhielt der Ort erst in neuerer Zeit zur Unterscheidung von sechs
anderen Orten Schlesiens,
die auch den Namen Bielau
führen.) Außer diesem Gute gab es noch ein Vorwerk
von etwa 150
Morgen,
das 1381
Otto
von Peterswaldau
gehörte, der es aber schon 1389
wieder weiterverkaufte. In der folgenden Zeit wechselten gar oft die
Besitzer des Gutes Nieder-Bielau
(jetzt Mittel-Langenbielau)
und des Vorwerkes
Neubielau.
Es würde zu weit führen, hier den jedesmaligen Besitzwechsel
eingehend zu schildern. Es seien hier nur einige Namen genannt:
Sigismund
von Pogrollo 1399—1410, Sigmund von Baumgarthen
und seine Söhne 1410—1439,
Johannes
Czelner
und seine Erben 1439—1508,
Hans
Seidlitz von Schönefeld
und seine Söhne 1508—1605,
Christoph
von Rechenbergk
und Oppach
1605—1618,
für Nieder-(Mittel)-Bielau
und Hinze
von Peterswald
bis 1472;
von
Knoblochsdorff
bis 1479,
Hans
Fogeler bis 1504,
Margarethe
von Woderisch 1504—1529,
Georg
Elbill
und Hans
von Rohnau 1529—?,
später Joachim
von Netz
für Neubielau.
Christoph
von Netz
vereinigte durch Ankauf des Gutes
Nieder-Bielau
den Besitz im Jahre 1618.
In
den Hussitenkriegen
hatte auch Langenbielau
schwer zu leiden. Von Weigelsdorf
her, dessen Besitzer auf der Flucht umkam, kamen die plündernden
Böhmen
auch in unseren Ort. Die Bevölkerung hatte sich in die Wälder
geflüchtet. Viele Häuser gingen in Flammen auf. Namentlich das Jahr
1428,
als Reichenbach
von den Hussiten
berannt und zerstört wurde, war auch für unsern Ort ein
Schreckensjahr. Zwischen Langenbielau
und Peterswaldau,
in der Richtung nach Reichenbach
zu, fand auch ein Treffen zwischen Hussiten
und einem schlesischen Heerhaufen statt; in dem Kampfe blieben die
Ersteren Sieger. Einige Jahre darauf brachen die Böhmen
von Steinkunzendorf
her in unsere Gegend ein, neben Peterswaldau
wurde auch Nieder-Bielau
zerstört.
Im
Jahre 1493
erhielt der damalige Besitzer von Nieder-Bielau
neben der niederen Gerichtsbarkeit auch das „oberste
Gericht“,
d. h. nicht nur das Recht, Gefängnis- und Geldstrafen zu verhängen,
sondern auch Verbrecher zum Tode zu verurteilen und die Todesstrafe
vollstrecken zu dürfen.
Im
ersten Drittel des 16.
Jahrhunderts
wurde auch in Langenbielau
die Reformation
eingeführt, die bis dahin katholische Kirche wurde evangelisch,
wurde aber am 9.
März 1654
in Ausführung der Bestimmungen des Westfälischen
Friedens
den Katholischen wieder zurückgegeben. Während des Dreißigjährigen
Krieges
hatte Langenbielau
viel zu leiden. Bis zum Jahre 1632
merkte es ja wenig von den Truppendurchzügen, da es nicht an der
Heeresstraße Schweidnitz—Reichenbach—Frankenstein
lag; nur eine Heerschar wurde von dem damaligen Kreisobristen
Grafen von Gellhorn zu Peterswaldau
auf den Bielauer
Fluren
abgehalten. Einige Jahre später begann die Leidenszeit. Die
Wallensteinschen
Truppen
und später die Sachsen
und Schweden
hausten hier plündernd und raubend in derselben Weise, wie im
benachbarten Reichenbach.
1633
brach eine furchtbare Pest
aus, der der größte Teil der Bevölkerung zum Opfer fiel. Die
Seuche war von marodierenden Soldaten aus dem Wallensteinschen
Lager
bei Schweidnitz
hier eingeschleppt worden. Infolge der Plünderungen entstand hier
eine große Teuerung. Der Scheffel Gerste kostete bis 50
Taler,
der Roggen 24
bis 36 Taler,
Gerste 16
bis 28 Taler,
Hafer 16
bis 20 Taler.
Bei dem Herannahen der schwedischen
Truppen
flüchtete die Bevölkerung Langenbielaus
angstvoll in die nahen Wälder, die damals viel weiter als jetzt in
das Tal hinabreichten. Sie wurde aber von den Schweden
durch Spürhunde aufgestöbert und grausam misshandelt oder sogar
getötet. Das in den Wäldern versteckte Vieh, 1200
Stück
Rindvieh, 300
Pferde und 200
Schafe, fiel den Schweden
am 9.
Juni 1633
zur Beute. Nach dem Dreißigjährigen
Kriege
zählte Langenbielau
kaum den vierten Teil der früheren Bevölkerung.
In
den Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen
Kriege
kam es zwischen der Stadt Reichenbach
und der Gutsherrschaft
Langenbielau
(damals Herr
von Netz)
zu einem Rechtsstreit. Die Herrschaft hatte das Recht des
Bierbrauens, des Branntweinschankes und des Backens, hatte auch
eigene Schneider und Schuhmacher. Herr
von Netz
beanspruchte auch das Recht der eigenen Schlächterei. Die Stadt
Reichenbach,
in deren Weichbild das Gut lag, beschwerte sich beim Landeshauptmann
der beiden Fürstentümer
Schweidnitz und Jauer.
Dieser, ein Freiherr
von Bibran,
entschied, dass das Recht der Schlächterei nur der Stadt zustehe.
Ähnliche Streitigkeiten waren später (1693)
zwischen der Herrschaft des weltlichen Anteils mit dem Präbendaten,
bei denen dieb Grundherrschaft obsiegte.
Im
Jahre 1672
verkaufte Herr
von Netz
die Güter Niederbielau
(jetzt Mittel-Langenbielau)
und Neubielau
an Adam
Bohuslaw von Sandreczky auf Weigelsdorf.
Herr
von Netz
erwarb dafür die Herrschaft Weigelsdorf.
Wegen eines Teiles der Waldungen erhoben sich später noch
Streitigkeiten. (Die Familie Sandreczky
stammt aus Ungarn
und hieß früher Sandresky-Sandraschütz.)
Im Jahre 1675,
nach dem Aussterben der Piasten
von Liegnitz,
Brieg
und Wohlau
traf die Evangelischen Langenbielaus
ein schwerer Schlag. Die drei ihnen am nächsten gelegenen beiden
evangelischen Kirchen in Lampersdorf
und Rosenbach
wurden von dem österreichischen Kaiser eingezogen und ihnen dadurch
der Besuch eines evangelischen Gottesdienstes unmöglich gemacht.
Erst im Jahre 1708
wurden die genannten Kirchen auf Veranlassung Karls
XII. von Schweden,
der von dem Kaiser den Altranstädter
Vertrag
am 1.
September 1707
erzwang, den Evangelischen wiedergegeben. Die Evangelischen
Langenbielaus
besuchten diese Kirchen bis zur Errichtung eines eigenen Bethauses
1742.
Bei dem Besuche des Gottesdienstes in Rosenbach
ereignete sich am ersten Weihnachtsfeiertage 1726
ein eigenartiger Unglücksfall. Eine Fleischermeistersfrau verirrte
sich auf dem Rückwege, kam in ein Schneegestöber und erfror; ihre
Leiche wurde nach einigen Tagen auf den Peilauer
Feldern
gefunden.
Bis
zu dieser Zeit waren sämtliche Häuser Langenbielaus
(der Name „Langenbühl"
wird etwa um das Jahr 1711
das erste Mal erwähnt), aus Holz, meistens mit Stroh, seltener mit
Schindeln gedeckt. Bei entstehenden Bränden fielen oft ganze
Dorfteile der Feuersbrunst zum Opfer. (Die Hannigsche
Chronik
vom Jahre 1886
erwähnt eine große Anzahl von Feuersbrünsten in Langenbielau
und wird deshalb auch scherzweise die „Brandchronik“
genannt; doch soll diese Bezeichnung keineswegs den großen Wert des
Hannigschen
Werkes
schmälern.)
Im
Jahre 1720
erstand das erste massive Haus, das sogenannte Herzog-Schlössel,
später Girndt-Schlössel
genannt, der heutige „Preußische
Hof“.
Als erstes steinernes Haus neben dem herrschaftlichen Schlosse
erregte es damals nicht geringes Aufsehen und deshalb ist es
erklärlich, dass das Volk das Entstehen dieses Hauses nur durch
Hilfe übernatürlicher Kräfte ermöglicht glaubte. Erzählt doch
die Sage, dass der Erbauer desselben die Zwerge
von dem Herrleinberge
nach dem Zobten
gefahren, weil es ihnen in Bielau
nicht mehr behagte, und dafür reichen Lohn erhalten habe. Es dauerte
aber doch noch fast ein Jahrhundert, ehe (nach dem großen Brande im
Jahre 1812)
die massive Bauweise stärkeren Eingang in Langenbielau
fand.
Gar
oft hatte der Ort unter der Pest
und anderen Seuchen zu leiden. Im Jahre 1713
war sie von einem alten Soldaten, der aus den Türkenkriegen
heimkehrte und aus Ungarn
Leinwand mitbrachte, eingeschleppt. Er verkaufte die verpestete
Leinwand an einen hiesigen Bauern namens Heinze,
in dessen Hause bei Verwendung der verarbeiteten Leinwand die Pest
zum Ausbruch kam. Bald waren alle Bewohner von der furchtbaren Seuche
dahingerafft; durch die Näherin, die die Leinwand verarbeitet hatte,
wurde die Pest weiter verbreitet. Die Walkgasse,
in der die Seuche begonnen hatte, starb völlig aus, auch die
nebenliegenden Gassen. Plötzlich hörte die Seuche im Jahre 1714
auf; an der Stelle, bis zu der sich die Pest ausgebreitet hatte,
erbaute man eine Kapelle, die sich bis heute erhalten hat. Die
Pestkapelle,
wie sie jetzt noch genannt wird, steht im Garten des Fabrikbesitzers
Rosenberger,
der sie auf seine Kosten neu erbauen ließ.
Die
Weberei, die schon um 1600
in Langenbielau
betrieben wurde, war durch den Dreißigjährigen
Krieg
fast völlig vernichtet worden; doch blühte sie bald wieder von
neuem auf. Im Jahre 1659
wurden schon wieder 400
Webstühle in unserem Orte gezählt. In den Aufzeichnungen der
Leinwandinspektoren des Fürstentums
Schweidnitz-Jauer
vom Jahre 1725
wird unter den Orten, wo Weberei getrieben wurde, auch „Bylau"
genannt. Auch die Schön- und Schwarzfärberei fand in Langenbielau
Eingang. Einen großen Aufschwung nahm die Weberei in Langenbielau
im Jahre 1728
durch die Einwanderung fremder geübter Weber und Spinner. Dies hatte
folgenden Grund: Graf
von Promnitz zu Peterswaldau
hatte im Jahre 1728
nach langem Bemühen das kaiserliche Privilegium erhalten, neben
bekannten Zeugen auch in Schlesien
noch nicht hergestellte Zeuge von gewalktem Etamium,
Cursai, Drogets
u. a. zu fabrizieren und in Polen,
Brandenburg
und Sachsen
zu verkaufen. Das Privileg war von zwanzigjähriger Gültigkeitsdauer.
Dem Grafen
von Promnitz
wurden aber von vielen Seiten, namentlich von den Reichenbacher
Zeugmachern,
große Schwierigkeiten gemacht — so, dass schließlich die von ihm
aus dem Vogtlande
und aus Sachsen
herbeigeholten geübten Weber und Spinner wieder abzogen; ein großer
Teil von ihnen ging nach Langenbielau,
wo sie unter günstigeren Verhältnissen ungestört ihre Kenntnisse
und Befähigungen verwerteten. (Es wurden vorzugsweise Leinwand,
Wollwaren und halbseidene Zeuge gewebt. An Materialien zu diesen
Fabrikaten wurden außer den notwendigen Chemikalien benutzt: Seide,
Biberhaare und Kamelhaare; die Leipziger
Handelshäuser
lieferten feine Wolle aus Spanien,
auch fertiges Wollgarn aus dem Auslande, und die gewöhnliche
Schafwolle, die zum großen Teil durch Schafzucht auf den hiesigen
Gütern gewonnen, aber auch durch Juden
aus Polen
eingeführt wurde. Durch die drei schlesischen
Kriege
trat auch hier eine Stockung der Textilindustrie ein, die fast
hundert Jahre anhielt, da durch den Übergang Schlesiens
an Preußen
das frühere große österreichische Absatzgebiet seine Grenzen
verschloss.
Langenbielau
hatte unter den Wirren dieser Kriege sehr zu leiden. Im Januar 1741
traf Friedrich
II.
in Langenbielau
mit zwei Schwadronen Kavallerie ein und wurde von der Bevölkerung,
namentlich von dem evangelischen Teil, mit Begeisterung empfangen. Er
übernachtete im Schlosse des Freiherrn
Friedrich von Sandreczky,
der übrigens am 7.
November 1741
bei der Huldigung
der Stände Schlesiens
im Rathause
zu Breslau
in den Grafenstand erhoben wurde. In den ersten Monaten des Jahres
1741
war das Eulengebirge
von österreichischen Truppen besetzt, die oft in die Ebene mit
Kavalleriepatrouillen herunterstießen und die in den Dörfern der
Peileebene
lagernden Preußen
überfielen. In Langenbielau
wäre sogar König
Friedrich
beinahe in Gefangenschaft geraten. Das Dorf wurde mit schweren
Kontributionen, die sowohl von preußischer als auch von
österreichischer Seite gefordert wurden, belastet und auch zu
sonstigen Kriegsleistungen herangezogen. 1741
wurde durch preußische
Husaren
bei Langenbielau
eine Fuhrkolonne, die angeforderte Lebensmittel von Peterswaldau
und Peiskersdorf
in das österreichische Lager bringen sollte, aufgehoben und in das
preußische Lager nach Strehlen
geführt. Die Gemeinde musste auch oft auf längere Zeit eine große
Anzahl Arbeitskräfte zu Schanzarbeiten nach Schweidnitz
stellen. Im Jahre 1741
richtete die evangelische Gemeinde ein mit 192
Unterschriften versehenes Gesuch an den König um Erlaubnis zur
Erbauung eines Bethauses
und um die Befugnis zur Anstellung eines Geistlichen, sowie eines
Stellvertreters, der zugleich die Leitung der Schule übernehmen
sollte, und dreier Lehrer. Die Bitte wurde erfüllt, am 11.
Januar 1742
erhielten die Bittsteller den Bescheid, dass der König ihnen die
Erbauung eines Bethauses
und die Anstellung der Geistlichen und Lehrer gestatte. So wurde von
dem Preußenkönig
ein vor etwa 90
Jahren von den glaubensfanatischen Habsburgern
den hiesigen Evangelischen zugefügtes Unrecht wieder gutgemacht,
doch war die Bestimmung getroffen worden, dass die Einnahmen der
katholischen Geistlichen nicht geschmälert werden sollten. Diese
drückende Verfügung wurde 10
Jahre später aufgehoben. Am 2.
Juli 1743
wurde die evangelische Kirche eingeweiht. (Wie weit die Geschichte
der katholischen Kirche zurückreicht, lässt sich nicht ermitteln,
doch wird angenommen, dass hier schon vor 1288
eine Kapelle gestanden hat.)
Der
neue Herrscher erkannte den Wert der am Fuße des Eulengebirges
blühenden Textilindustrie und suchte sie nach allen Kräften zu
fördern. So brach für die hiesigen Weber eine gute Zeit an;
bedeutende Heereslieferungen brachten reichen Gewinn. Leider waren
der hiesigen Webindustrie nach dem zweiten Schlesischen
Kriege
nur 10
Jahre der Blüte beschieden; im Jahre 1756
brach der Siebenjährige
Krieg
aus, der für jeglichen Handel und Verkehr die völlige Vernichtung
brachte. In den Jahren 1756
bis 1758
musste das Dorf bedeutende Lieferungen an Getreide und Futtermitteln
nach den Magazinen Schweidnitz, Dreißighuben,
Striegau
und Waldenburg
leisten; außerdem waren hier noch einige Bataillone Infanterie
einquartiert. Im Oktober
1757
lagen hier längere Zeit österreichische Truppen, die erst nach der
Schlacht
bei Leuthen
von den Preußen
unter General
von Ziethen
verjagt wurden. Räuberische Kroaten
plünderten
in den Jahren 1761
und 1762
das Dorf wiederholt aus. Vor der Belagerung von Schweidnitz
trieben sie den verarmten Bewohnern, unter denen infolge der
Entbehrungen schon der Skorbut herrschte, ihr letztes Vieh weg. Im
Jahre 1762
fand in Mittel-Langenbielau
ein kleines Scharmützel statt, wobei zwei preußische Husaren
erschossen und in einem Garten begraben wurden.
Während
der Schlacht
am Fischerberge
am 16.
August 1762
hatte das preußische Freiregiment
von Horst
die Herrleinberge
bei Langenbielau
besetzt, wurden aber von den kaiserlichen Truppen vertrieben und
durch das Dorf nach Peterswaldau
zurückgedrängt.
Auf ihrem Rückzuge plünderten die Österreicher
die Bielauer
Dörfer
aufs Härteste und raubten dabei auch die Kirchkasse der
Evangelischen aus der Wohnung des Pastors. Kurz vor Kriegsende kam es
noch zu einem kleinen Scharmützel bei Neubielau,
wobei der Kommandeur des daran beteiligten preußischen
Freibataillons fiel.
Noch
zweimal drohte auch unserem Orte erneut die Gefahr, aufs Neue
Schauplatz kriegerischer Wirren zu werden. Beide Male, zur Zeit des
Bayrischen
Erbfolgekrieges
(1779)
und des Reichenbacher
Kongresses
(1790)
hatte Langenbielau
beträchtliche Einquartierung; auch musste der Ort für die Festungen
Schweidnitz
und Silberberg
erhebliche Mengen an Holz und Fourage liefern. Im Juni 1790
wurde
durch königlichen Spezialbefehl der wechselseitige Verkehr zwischen
Preußen
und Österreich
verboten; diese Verfügung traf die hiesigen Fabrikanten und
Kaufleute, die mit Böhmen
gute Handelsbeziehungen hatten, sehr schwer; zum Glück wurde nach
einigen Wochen das Verbot wieder zurückgenommen.
Wie
bedeutend die Textilindustrie schon um das Jahr 1800
in Langenbielau
war, beweist die Tatsache, dass in dem genannten Jahre nicht weniger
als 1100
Baumwollstühle, 440
Leinenstühle, 150
Wollstühle und 15
andere Stühle in Betrieb waren.
Die
Franzosenzeit
1806—1808
und die nachfolgenden kriegerischen Jahre bis Ende der
Befreiungskriege
bedeuteten für die Langenbielauer
Textilindustrie
einen schweren Rückschlag; aber auch die hiesige Bevölkerung hatte
sehr unter den Wirren des Krieges zu leiden. Schon ehe die Franzosen
nahten, wurden die Einwohner Langenbielaus
zu Schanzarbeiten an der Festung
Silberberg
herangezogen. Sämtliche Straßenübergänge über das Gebirge
mussten mit Verhauen versehen werden. Im Januar 1807
musste die Gemeinde
Langenbielau
bedeutende Mengen von Lebensmitteln, namentlich Wild, Geflügel und
Wein, in das Lager des Generals
Vandamne
nach Groß-Strehlitz
liefern. Als sich die Rheinbundtruppen,
namentlich die Württemberger,
grobe Ausschreitungen zuschulden kommen ließen, erbat und erhielt
auch Graf
von Sandreczky
von General
Vandamne
einen Schutzbrief
für sich und die Gemeinde, der für eine Zeitlang half, zumal auch
eine Schutzgarde
eingerichtet wurde. Auch nach dem Frieden
von Tilsit
dauerten die Bedrückungen durch die Feinde fort. Langenbielau,
Reichenbach
und Peterswaldau
mussten große Mengen Tuch, Hemden und Beinkleider für die
französischen Truppen und warme Decken für die Lazarette liefern.
Außerdem wurden erhebliche Kriegssteuern gefordert — so, dass die
Bevölkerung freudig aufatmete, als endlich im November 1808
die feindlichen Truppen abzogen. Mit großer Begeisterung wurden die
Ende November aus Silberberg
einrückenden preußischen Soldaten begrüßt; ein Teil von ihnen
blieb in Langenbielau,
der andere Teil zog am folgenden Tage (28.
November)
nach Peterswaldau
weiter.
Der
schon oben erwähnte große Brand vom Jahre 1812
entstand bei einem Bauerngutsbesitzer Guhr,
bei dem 10
Stück Rindvieh und viel Geflügel verbrannten. Infolge eines
heftigen Sturmes breitete sich das Feuer mit rasender Geschwindigkeit
aus — so, dass in kurzer Zeit 47
Besitzungen, 2
Auszughäuser und 10
Scheunen den Flammen zum Opfer fielen. 129
Familien wurden dadurch obdachlos. Es war ein schwerer Schlag für
die hiesige Bevölkerung, die ohnehin durch die Lasten des verlorenen
Krieges verarmt war. Während der Befreiungskriege trug auch die
Langenbielauer
Bevölkerung
freudig und willig die Lasten des Krieges zum Wohle des Vaterlandes.
Während des Waffenstillstandes im Juni und Juli 1813,
als in Reichenbach
das Hauptquartier der Verbündeten war, waren in Langenbielau
russische Garderegimenter einquartiert. Im Schlosse wohnte eine
Zeitlang der preußische Kanzler
von Hardenberg.
Die russischen Gäste hatten sich durch gelegentliche Diebstähle und
Plünderungen so unliebsam gemacht, dass man sie nach Ablauf des
Waffenstillstandes mit Freuden scheiden sah. In Langenbielau
wurde auch eine Landsturmkompagnie
gebildet, die vorzugsweise zu Gefangenentransporten verwendet wurde.
In
den Jahren 1819
und 1829
wurde Langenbielau
von großen Überschwemmungen heimgesucht. Im Jahre 1837
wurde durch den Langenbielauer
Gewerbeverein
die Jacquardweberei
im Kreise
Reichenbach
eingeführt. Trotz aller Fortschritte in der industriellen
Entwicklung befand sich damals die Textilindustrie in einer äußerst
verzweifelten Lage. Die Kriegswirren und die dadurch hervorgerufenen
Absatzschwierigkeiten hatten der hiesigen Weberei sehr geschadet.
Namentlich die Leinenindustrie ging sehr zurück, da ihr durch die
Webereien der Grafschaft und des Landeshuter
Bezirks
sehr starke Konkurrenz bereitet wurde. Nach Aufhebung der
Kontinentalsperre
überschwemmte England
den deutschen Markt mit billiger Webware, die weit unter dem Preise
der in der hiesigen Industrie hergestellten lag, da England
infolge zeitigerer Einführung der mechanischen Weberei weit billiger
arbeiten konnte. Durch diese Konkurrenz geriet die hiesige
Webindustrie in eine schwierige Lage, die sich naturgemäß in erster
Linie auf die Lohnverhältnisse der Gebirgsweber auswirkte. Vergebens
wurde seitens der Kreisbehörden auf die bedrängte Lage der
Baumwollindustrie in unserer Gegend und auf das furchtbare Weberelend
aufmerksam gemacht; die Breslauer
Regierung
glaubte nicht daran und Oberpräsident
Merkl
sandte schöngefärbte Berichte nach Berlin
— so, dass die preußische Staatsregierung über die hiesigen
Verhältnisse völlig im Unklaren war. Verschiedene Missernten und
die darauffolgende Teuerung vermehrten das Elend. Dazu kam, dass es
gewissenlose Aufkäufer und Abnehmer gab, die die Not der armen
Gebirgsbevölkerung ausnützten und ihr die Erzeugnisse zu
Hungerpreisen abkauften. Dies und die Tatsache, dass leider einzelne
Fabrikanten in unserer Gegend damals so wenig soziales Verständnis
besaßen, dass sie lieber ihre Ware in Böhmen
für billigeres Geld anfertigen ließen, anstatt den hiesigen Webern
Arbeit zu geben, trieb schließlich die ergrimmte Weberbevölkerung
zu offener Empörung. Am 4.
und 5. Juni 1844
brach in Peterswaldau
und Langenbielau
der bekannte Weberaufstand
aus, der seinen Widerhall in der ganzen Welt fand. In beiden Orten
wurden einige Fabrikbetriebe völlig zerstört. Es mag dahingestellt
sein, ob die Volkswut gerade die Schuldigen traf; manche Fabrikanten
hatten die Empörer durch Geldzahlungen beschwichtigt. Auch nach dem
Aufstand, der blutig niedergeschlagen wurde, bestand das Weberelend
unvermindert fort; trotz aufopfernder privater Hilfstätigkeit konnte
die Not nicht gemindert werden, da die Staatsbehörden, in starrem
Bürokratismus befangen, völlig versagten und den hier in
Langenbielau
durch den Aufstand schwer getroffenen Firmen Dierig
und Hilbert
und Andretzki,
die trotz ihrer verzweifelten Lage bemüht waren, ihren Webern Arbeit
und Brot zu geben, jegliche Hilfe verweigerten. Es ist bekannt, dass
diese Ereignisse dem schlesischen Dichter Gerhart
Hauptmann
den Stoff zu seinem berühmten Drama „Die
Weber“
lieferten. Heute sind höchstens noch 8
Hausweber
am Ort, die mühsam ihr Leben fristen.
Zähe
und unverdrossen trotz aller Hemmnisse strebte die Langenbielauer
Textilindustrie
vorwärts. Im Jahre 1850
wurde in Langenbielau
als erstem Ort im Kreise der mechanische Betrieb der Weberei
eingeführt. Seit dieser Zeit begann hier ein rasches Aufstreben der
Textilindustrie. Es entstanden die heutigen Großbetriebe. Im Jahre
1886
wurden in Langenbielau
7
Appretur- und Färbereiunternehmen, 2
Baumwollspinnereien und 7
Baumwoll-Webfabriken gezählt. Die Firma Christian
Dierig
gilt heute als das größte und älteste Textilunternehmen
Schlesiens.
Andere Betriebe, wie G.
F. Flechtner, Franz Rosenberger, Josef Fröhlich, Postpischil, Julius
Neugebauer, Gottlob Jung, Josef Gritzbach, die Textilwerke Mautner AG
haben ebenfalls eine Entwicklung in stetig aufsteigender Linie zu
verzeichnen — so, dass unsere Stadt unter den Industrieorten
unserer Provinz eine bedeutende Rolle spielt.
Die
Entwicklung des Ortes hat mit der Industrie gleichen Schritt
gehalten. 1826
wurde die erste Apotheke von Apotheker
Schütz
errichtet. Im Jahre 1840
wurde in Langenbielau
eine Postanstalt
2. Klasse
und 1844
in Ober-Langenbielau
eine Postannahmestelle
eingerichtet, die aber schon 1846
in eine Postexpedition
umgewandelt wurde. Mit der aufstrebenden Industrie nahm auch der
Postverkehr ständig zu — so, dass im Jahre 1861
die Postanstalt
2. Klasse
in Mittel-Langenbielau
in ein Postamt
1. Klasse und die Postexpedition
in Ober-Langenbielau
in ein Postamt
2. Klasse
(jetzt auch 1.
Klasse)
umgewandelt wurde. 1864
bzw. 1874
wurden mit den Postanstalten Telegrafenämter
verbunden. 1864
wurde die Gasbeleuchtung
und 1866
die Straßenbeleuchtung
eingeführt.
Die
in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erfolgte
Zusammenfassung der vier Gemeinden Neu-,
Ober-, Mittel-
und Nieder-Langenbielau
zu einer Gesamtgemeinde und die Anlage der Staatsbahnlinie
Reichenbach—Oberlangenbielau (1891),
zu der die Ende des Jahres 1900
erfolgte Eröffnung der Eulengebirgsbahnlinie
Reichenbach—Peterswaldau—Oberlangenbielau—Silberberg
trat, waren für die Entwicklung des Ortes von besonderer Bedeutung.
Der Aufschwung der neuen Gemeinde zeigt sich am besten in der
Entwicklung der Bevölkerungsziffer, die in nachstehenden Zahlen
veranschaulicht wird:
im
Jahre 1785
= 6698
Einwohner
im
Jahre 1800
= 8400
Einwohner
im
Jahre 1814
= 6991
Einwohner
im
Jahre 1840
= 11
271
Einwohner
im
Jahre 1865
= 13
088
Einwohner
im
Jahre 1873
= 12
665
Einwohner
im
Jahre 1880
= 13
177
Einwohner
(außerdem
im Gutsbezirk 367
Einwohner)
im
Jahre 1885
= 14
410
Einwohner
(außerdem
im Gutsbezirk 322
Einwohner)
im
Jahre 1890
= 16
015
Einwohner
im
Jahre 1895
= 17
200
Einwohner
im
Jahre 1900
= 19
122
Einwohner
im
Jahre 1905
= 19
663
Einwohner
im
Jahre 1910
= 18
514
Einwohner
im
Jahre 1915
= 17
411
Einwohner
im
Jahre 1920
= 16
868
Einwohner
im
Jahre 1925
= 17
704
Einwohner
Der
Gutsbezirk
Langenbielau,
der im Jahre 1926
in die Stadt Langenbielau eingemeindet wurde, zählte im Jahre 1925
exakt 462
Einwohner — so, dass die Gesamtbevölkerungsziffer der Stadt im
genannten Jahre 18
166
Seelen betrug. Langenbielau
ist also die größte Gemeinde des Kreises, da ja die Kreisstadt
Reichenbach
nur 16
504
Einwohner zählt.
Unsere
Stadt hat vorläufig zufolge ihrer Entstehung aus mehreren
Dorfgemeinden eine langgestreckte Gestalt. Sie zieht sich über
eine Meile lang
in der Richtung von Nordosten nach Süden hin am Bielebach
entlang. Der oberste Teil — Neubielau
— ist rings von Bergen eingeschlossen, während Mittel-
und Niederlangenbielau
in der Ebene liegen. Neubielau
ist eines der Eingangstore für den Touristenverkehr nach dem
Eulengebirge
und gilt auch als beliebter Aufenthalt für Sommerfrischler. Zu
Langenbielau
gehören auch die beiden Kolonien Steinhäuser
und Schumannsheide,
die sich wohl im Laufe der Zeit angesichts der regen Bautätigkeit
mit dem Stadtganzen vereinigen werden. Es werden wohl noch Jahrzehnte
vergehen, bis der in diesem Jahre aufgestellte neue Besiedelungsplan,
der das Stadtbild vorteilhaft verändert, zur völligen Ausführung
gelangt. Bemerkenswert ist die geografische Tatsache, dass der Ort am
Umfange 285
m
über dem Meeresspiegel liegt, während am Ende eine Höhe von 443
m
zu verzeichnen ist. Der Höhenunterschied zwischen beiden Ortsenden
beträgt also 158
m.
Es kommt deshalb im Frühjahr bei Tauwetter vor, dass innerhalb der
Ortslage drei verschiedene Wetterzonen vorhanden sind. In
Niederlangenbielau
ist der Schnee vollständig verschwunden, in der Mitte taut es,
während in Neubielau
noch Schnee und Eis zu finden sind.
Einige
Sagen, die der Vergessenheit entrissen zu werden verdienen und die
hier in Langenbielau
spielen, sollen mit erwähnt werden. Von den schon oben erwähnten
Zwergen
wird noch erzählt, dass sie von ihren reichen Schätzen den armen
Menschen oftmals etwas schenkten, aber Geizhälse mitunter recht
ärgerten und bestraften. Vom grünen
Jäger
erzählt man, der Oberförster
gewesen sein und Kratzer
geheißen haben soll. In der ganzen Umgegend wegen seiner grausamen
Härte sehr gehasst, soll er eines Tages im Walde von einem Felsen
gestürzt sein und den Hals gebrochen haben. Im Grabe habe er aber
keine Ruhe gefunden, sein Geist ist umgegangen, bis er von einigen
„Verbannern“
auf die Hohe
Eule
verbannt worden ist. Dort hat man ihn vergraben und einen großen
Stein auf das Grab gelegt und seitdem hat niemand mehr etwas vom
Kratzer,
dem grünen
Jäger,
gehört. Zwerghafte Holz-
oder Puschweibel
will man in früherer Zeit im Walde gesehen haben, die sich vor
fremden Menschen scheu versteckten, die aber sonst niemand etwas
zuleide taten. Im sogenannten Türkengarten
in Neubielau
soll vor langer Zeit einmal ein Türke
gelebt haben, der der Schrecken der ganzen Bevölkerung war. Er
beraubte und erschlug die vorübergehenden Leute, bis sich die Bauern
zusammenrotteten, den Räuber fingen und zum Tode verurteilten. Vier
Ochsen rissen den Türken
bei lebendigem Leibe auseinander und ein Bein wurde zur Warnung an
eine Fichte gehängt. Die Sage erzählt weiter, dass einer Frau, die
an dem Bein vorüberging und ihr Bedauern darüber äußerte,
dasselbe auf den Rücken gesprungen sei und sie musste es bis ins
Dorf tragen. Am Gasthaus ist das Bein wieder heruntergesprungen.
Viele Kisten mit Geld, die man im Hause des Türken
gefunden haben will, sollen unter die Armen verteilt worden sein. So
zieht auch die Sage den Kranz der Romantik um unsere junge Stadt und
zeigt, dass Langenbielau
immerhin etwas Vergangenheit hat.
So
hat Langenbielau
im Wandel der Jahrhunderte gar mancherlei erlebt und erlitten. Möge
ein gütiges Geschick die junge Stadt vor ähnlicher Not, „Krieg,
Pestilenz, Wassers- und Feuersnot",
wie in vergangener Zeit, bewahren und möge sie unter der bewährten
Leitung ihres rührigen Bürgermeisters und der treuen Mitarbeit
einer zielbewussten und weitblickenden Stadtverwaltung weiterhin
wachsen und blühen!
H.
Walther (Schobergrund)
in:
„Adressbuch
der Stadt Langenbielau“ (1930), S.
5—13
Texterkennung
und Anpassung an neue Rechtschreibregeln:
Marcin Perliński (2026)
PDF-Version
preußische Meile (Landmeile) = 7.5 km