Die
Gluckhenne
Vor
Zeiten ließ in einem Zimmer der alten Burg sich zuweilen des
Nachts eine schwarze Gluckhenne sehen, die aus dem Ofen des Zimmers,
von goldgelben Küchlein begleitet, hervorkam. Der Burgherr hatte
nie etwas davon gesehen, glaubte auch nicht an die Erscheinung,
vermied es aber doch, jemanden in dem Zimmer übernachten zu
lassen. Einst kam ein fremder Ritter zur Burg, als es schon dämmerte,
und forderte für sich, seinen Knappen und zwei Rosse Nachtlager,
und da er sich als Freund des Burgherrn auswies, indem er den Namen
Hermann von Reichenbach nannte, wurde ihm das
Tor sogleich geöffnet. Freundlicher Empfang und Bewirtung fehlte
dem Ermüdeten nicht. Der Burgherr befahl dann, dem Fremden jenes
Zimmer einzuräumen, das der Glaube der Diener für den Sitz
eines gespenstischen Geistes erklärte. Nachdem die Herrschaft
das Abendbrot genossen hatte, wurde dem fremden Gaste und seinem
Knappen die Schlafstube angewiesen — zwei reinliche Betten standen
einander gegenüber, dazwischen ein Tisch und zwei Stühle.
Eine Lampe blieb auf dem Tische zur Nachtbeleuchtung stehen, als die
Hausknappen die Fremden allein gelassen und erhellte nur matt das
Zimmer. Ritter und Knappe eilten bald zur Ruhe, denn sie wollten am
andern Morgen zeitig weiter reisen und schon mit Tagesanbruch ließ
der Fremde dem Burgherrn melden, er sei gesonnen, abzureisen. Nur die
dringende Bitte des Burgherrn, doch so lange zu weilen, bis das
Morgenmahl bereitet wäre, konnte ihn von der augenblicklichen
Abreise zurückhalten.
Als
sich der Burgherr angekleidet hatte, rief man den Fremden zum
Frühstück. Dieser trat mit etwas verstörtem Blick und
von nächtlicher Unruhe abgespanntem Antlitz zu seinem Wirte. Dem
Ritter von Kynsberg entging nicht die auffallende Veränderung
seines Gastes und besorgt fragte er ihn, ob er auch gut geschlafen
habe? Der Fremde zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Nicht
viel habe ich schlafen können". «Und wer wagte
es, Euch zu stören?», rief der Burgherr mit einem
erzürnten Blick auf die im Tafelzimmer versammelten Knappen.
«Nicht Eure lebenden Hausgenossen», erwiderte der
Fremde, «sondern eine
andere geistige Gewalt. Hört meine Erlebnisse in dieser Nacht»:
Als
wir, ich und mein Knappe, uns gestern Abend zur Ruhe begaben, war ich
bald eingeschlummert und mochte wohl eine gute Stunde geschlafen
haben, als ich plötzlich, ich weiß nicht wodurch,
aufgeweckt wurde. Ausblickend sah ich, dass die Lampe noch gut
brannte, die Turmuhr schlug eben elf. Ein kleines Geräusch zog
meine Aufmerksamkeit auf sich, ich richtete mich im Bette empor und
wendete meinen Blick auf die Stelle, wo das Geräusch herzukommen
schien. In demselben Augenblick kam eine schwarze Gluckhenne unter
dem Ofen hervor, begleitet von einigen Küchlein. Sie ging mit
ihnen in die Mitte des Zimmers, gluckte und scharrte dort, sträubte
sich dann, krächzte, als wenn ein Raubtier ihr nahe wäre
und schlug mit den Flügeln so stark, dass die auf dem Tische
stehende Lampe flackerte und zu erlöschen drohte. Darauf
durchwandelte sie das ganze Zimmer und kam endlich auch vor mein
Bett, dort flatterte sie hoch auf und die Lampe erlosch. Beim
schwachen Schimmer des Mondes, der durch die Fenster schien, bemerkte
ich, dass sie nach einer Weile wieder emporflatterte und dass
zugleich die Lampe von neuem hell brannte. Darauf sich beruhigend,
kehrte sie wieder um, pickte auf dem Fußboden, die Küchlein
versammelten sich um sie her und hinter dem Ofen verschwand die
Gluckhenne mit ihrer kleinen Brut. — Zweifelnd, ob ich ein wahres
Ereignis gesehen, oder ob eine traumhafte Erscheinung mich getäuscht
hätte, stand ich nach einer Weile, als ich mich vom ersten
Schrecken erholt hatte, auf, nahm die Lampe und untersuchte den Ort,
aber keine Spur eines Hühnernestes, keine Henne und keine
Küchlein waren zu finden. Mein Knappe hatte nichts davon gehört
und gesehen, denn er schlief so fest, dass ich ihn einige Male rufen
musste, als ich aufgestanden war. Ein gespenstisches Grauen hatte
mich ergriffen und wenn auch alles in dem übrigen Teile der
Nacht stille blieb, konnte ich doch keine Ruhe erlangen und so
unbedeutend auch die ganze Erscheinung war, so schien meinem Gefühle
nach doch etwas Grausenerregendes dahinter verborgen. So stehe ich
früher vor Euch zur Reise gerüstet, als ich erst gewollt:
Lebt wohl, habt Dank für Aufnahme und Bewirtung und gedenkt
nicht weiter der Geisterseherei eines Fremden!"
Der
Ritter reiste ab und man ließ ihn in Frieden ziehen. Aber
lauter wurde auf der Burg das Gespräch von der Henne und ihren
Küchlein: Alle Knappen erzählten von dem, was sie schon
früher gehört. Länger konnte nun auch der Burgherr an
dem nicht mehr zweifeln, was er dem Hausgesinde vorher nicht hatte
glauben wollen und was nun ein Fremder ihm bestätigt hatte. Auch
der Burgkaplan selbst meinte, es sei ein Gott wohlgefälliges
Werk, zu untersuchen, was solch wunderbare Anzeichen bedeuteten. Da
befahl der Burgherr, den Ofen wegzureißen. Als dies geschehen,
fand man unter ihm ein etwas erhabenes Gediele — nach Entfernung
desselben entdeckte man ein Kästchen, welches die Gerippe zweier
kleiner, längst schon verwester Kinder enthielt.
Der
Geistliche holte sich Rat in seinem Kloster, dem nahen Grüssau,
und der Abt befahl, diese Überreste mit stiller Feierlichkeit in
geweihtem Boden beizusetzen. Wer sie unter den Ofen gebracht, nachdem
wahrscheinlich eine Gräueltat verübt worden war, ist nie
ermittelt worden; keine Vermutung leitete darauf und die Tat muss
sehr geheimnisvoll vollbracht worden sein. Die Gluckhenne, die man
wohl für die unglückliche Mutter der früh gemordeten
Kindlein, die sie als goldgelbe Küchlein begleiteten, halten
könnte, hat sich nachher nie wieder sehen lassen.
Quelle
--->
W.
Reimann "Geschichte und Sagen der Burgen
und Städte
im Kreise Waldenburg" (1882/1908), Seiten 77/78
Texterkennung
und Anpassung
an neue Rechtschreibregeln --->
Marcin
Perliński (2025)
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Die Kynsburg / Zamek Grodno
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