Die Waldarbeiter und die Tobmazen
Zwei Holzschläger im Hochwalde saßen während der Mittagspause auf einem Holzstamme in der Waldlichtung. Sie verzehrten ihr Mittagsbrot und erzählten von ihren Familien. Der eine beklagte es, dass seine Frau schon lange ein krankes Kind pflegen müsse, mit dem es nicht besser werden wolle. Die anderen Kinder hätten deshalb gar nicht die rechte Pflege und Erziehung. Der andere dagegen erzählte freudigen Herzens, seine Frau und seine Kinder seien gesund und fröhlich und guten Mutes; eine seiner Töchter sei gestern zum Tanz gewesen und werde übermorgen sich mit ihrem Bräutigam verheiraten, dann werde die ganze Familie eine fröhliche Hochzeit feiern.
Während sie so miteinander redeten, kam von der Seite her aus dem Walde eine Frauengestalt in langem Gewände, kurzem Überhang und einem Federhut auf dem Kopfe. Am Arme trug sie ein Körbchen. Still trat sie an die beiden Männer heran, langte in den Korb und reichte jedem der Männer einen Tannenzapfen, wobei sie sprach: „Wendet damit euer Schicksal!" Alsdann ging sie weiter. Der erste der Männer besah den Zapfen und steckte ihn in seine Tasche. Der andere warf den seinen mit einer spöttischen Bemerkung der Gestalt nach. Als sie abends daheim ankamen, fand der erste sein krankes Kind wieder gesund. Sein Leid war in Freude verkehrt. Des anderen Tochter, die Braut, war die Treppe heruntergefallen und hatte Arm und Bein gebrochen. Seine Freude und sein Übermut waren in Trauer gekehrt worden. Die Leute, die davon hörten, meinten, das Weibsbild im Walde sei die Tobmazen gewesen.
Quelle ---> W. Reimann "Geschichte und Sagen der Burgen und Städte im Kreise Waldenburg" (1882/1908), Seite 264
OCR-Verarbeitung und Anpassung an neue Rechtschreibregeln ---> Marcin Perliński (2026)
die
Tobmazen ---> auch: Tobmezen, Tobmaze, Tobmeze = das Buschweibel
(eine Art Berghexe/Waldhexe, manchmal auch als Fee bezeichnet)

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